„Eine ganz normale Karriere – wie Luciano”

Roberto Alagna Anno 1997: An der Staatsoper sang er in „Bohème” und „Liebestrank”, die "Presdse" portraitierte den  Jung-Star

Die Werbemaschinerie, die seinen Namen in aller Welt bekannt macht, rotiert auf Hochtouren. Die Erzählungen von der Entdeckung des jungen Tenors, während er sich als Sänger in einer Pariser Pizzeria sein Geld verdiente, könnten ein tränendrüsendrückendes Drehbuch abgeben. Alagna, der in Paris geborene Sohn sizilianischer Eltern, aufgewachsen in einem von Opernarien erfüllten Haus, ist ideales Objekt zur Legendenbildung.

Immerhin: Er gewann den Pavarotti-Wettbewerb, überzeugte Dirigenten wie Georg Solti und Riccardo Muti und produziert im Moment eine Opernaufnahme nach der andern. Zuletzt die „Bohème” und „Don Carlos”. Alagna ist ein Hoffnungsträger – für CD-Produzenten, Operndirektoren und das Publikum.

Wie wird man mit einer solchen, durch die bis vor kurzem noch ziemlich tenorlosen Zeitumstände geförderten Blitzkarriere fertig? „Es war ja gar keine Blitzkarriere”, kontert der Künstler im Gespräch, „ich singe doch schon seit neun Jahren. Und ich arbeite viel!” – Alagna hält seine Entwicklung für viel weniger spektakulär, als sie in den internationalen Medien zuletzt gern dargestellt wurde: „Ich habe in Wahrheit eine ganz normale Karriere gemacht. Wie Luciano oder Placido oder José. Ich werde auch weiterhin alles schön langsam vorantreiben.”

Wobei er die heutzutage gängigen Repertoire-Eingrenzungen für junge, mit lyrischen Stimmen begabte Tenöre nicht gern akzeptiert: „Ich weiß nicht, wer das eingeführt hat. Früher haben die Leute alles gesungen. Nehmen sie Tito Schipa: Er hat ganz dramatische Rollen mit der klassischen Stimme eines tenore di grazia gesungen. Heute heißt es ja schon: ,Das ist zu groß', wenn einer in jungen Jahren den Nemorino singen möchte.”

Woran das liegt? „Vielleicht an den Dirigenten, die mit viel zu großen Orchestern viel zu laut arbeiten,” denkt Alagna laut nach. Daß er beständig an sich und seiner Stimme arbeitet, zählt für ihn übrigens eher zu den Annehmlichkeiten des Lebens: „Ich singe gern und vor allem: täglich, und bin nirgends glücklicher als im eigenen Badezimmer.”

Über die Rolle der CD in seiner Karriere gibt er sich keinen Illusionen hin: „Ich möchte gern alles aufnehmen. Da können später die Enkelkinder nachhören, wie Alagna in den neunziger Jahren geklungen hat. Außerdem bin ich dafür, daß wir die Oper mit allen Mitteln populär machen. Von mir aus kann auch ein Operntenor von Plakaten lächeln wie ein Popstar. Man muß die Jugend mit den Mitteln anlocken, an die sie im Business gewöhnt ist. Machen wir Werbung, auch auf CD. Ich verstehe die Kritiker nicht, die sagen, es gebe zuviele Aufnahmen. Man muß doch die Wahl haben. Kein Mensch würde je sagen: Es gibt zu viele Bücher!”

Wien spielt in Alagnas Terminkalender übrigens bald keine Rolle mehr – „ich singe überall, in London, Paris, Mailand, New York und Tokio. In Toulouse, einem kleinen Haus, wo ich mich ganz zu Hause fühle, demnächst den ersten Werther. Aber aus Wien habe ich für die kommenden Jahre noch kein Angebot.”

1997


Drei Jahre später erklärt Alagna (stellvertretend auch für seine damalige Lebenspartnerin Angela Gheorghiu) in einem Interview in der deutschen Zeitschrift "Opernwelt", auf die Frage warum er und seine Frau an der Wiener Staatsoper nicht in Erscheinung träten: 

„Die Opernwelt ist wie eine große Familie. Manchmal gibt es eben Verstimmungen. (...) Alles halb so schlimm. Ioan Holender, Direktor der Wiener Staatsoper, hat sich bei uns zurückgemeldet. (...) Tatsache ist, daß das Wiener Opernorchester, potentiell das beste der Welt, des öfteren wie ein Konservatoriumsorchester spielt. Tatsache ist außerdem, daß sich der Vorhang in Wien jeden Abend heben muß – egal wie. Und Tatsache ist schließlich, daß auch ich keine Lösung habe, um dort das Niveau wieder anzuheben”.

April 2000


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