GIACOMO (Jaime) ARAGALL

Wiens langjähriger Tenor-Liebling erhiet das Ehrenkreuz

In der Ära Dominique Meyers erhielt der spanische (pardon: katalanische) Tenor Jaime (Jaume) Aragall das Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst 1. Klasse. Zaungäste der Zeremonie im Teesalon der Staatsoper waren Künstler-Freunde Aragalls wie Otto Schenk und Ileana Cotrubas, die bevorzugte Bühnenpartnerin des Tenors. An deren Seite hat Aragall viele seiner (insgesamt 43!) Rodolfos ("La Boheme") und Alfredos ("La Traviata") in Wien gesungen. 163 Mal ist Aragall - Dominique Meyer wählte den Vornamen Giacomo, wie er einst immer auf den Abendplakaten zu lesen stand, und sprach dem Geehrten zuliebe auch Italienisch - auf der Staatsopernbühne gestanden. Er war einer der absoluten Wiener Publikums-Favoriten; seine intensiven Interpretationen von Partien Verdis, Puccinis, aber auch sein Des Grieux in Massenets "Manon" sind unvergessen und an Intensität von kaum einem Nachfolger erreicht worden. Unter den Gratulanten auch Mitglieder des jungen Staatsopern-Ensembles wie Clemens Unterreiner, der Aragall einst als Stehplatzbesucher adorierte.
Von Aragalls Auftritten existieren etliche - nicht immer legale - Mitschnitte, von denen jener der Massenet-Premiere "Manon" von Anfang der Siebzigerjahre unverzichtbar für jeden freunde ausdrucksvoller Gesangskunst ist. An der Seite von Jeanette Pilou machte Aragall - kurzfristig für den erkrankten Nicolai Gedda eingesprungen - die Premiere der stimmungsvollen Inszenierung Jean-Pierre Ponnelles auch zu einem akustisch prachtvollen Ereignis. Die Intensität seiner große Arie im St.-Sulpice-Bild ist allen, die sie hören durfte, unvergesslich.


Im Jahr 1997, als an weitere Engagements im von Ioan Holender geführten Haus am Ring nicht mehr zu denken war, gab Aragall einen Lieder- und Arienabend in Wien. Im Vorfeld gewährte der Tenor der "Presse" ein Interview:


Giacomo Aragall, für die Wiener Opernfreunde ein Idol, ist trotz der Verehrung, die ihm entgegengebracht wrude, stets bescheiden geblieben. Nicht getragen von einer mächtigen PR-Maschinerie, die wei bei vielen Kollegen seine Karriere auch jenseits der Opernbühne vorangetrieben hätte.

Anders als viele Kollegen hat Aragall nie versucht, den Anschein zu erwecken, das Singen sei eine mühelose Angelegenheit. Im Gegenteil: „Es ist sehr schwer”, sagt er noch heute im Gespräch. Schwer, wenn man, wie er, an einem Opernabend immer „ganz und gar in der Person, die dargestellt werden soll, aufzugehen” versucht.

Sein Publikum hat ihm die unmittelbare, hundertprozentige Hingabe an seine Rollen immer mit liebevollem Entgegenkommen gedankt. Man fühlte: Er sang nicht den Rudolf, er war es im Moment der Aufführung wirklich, ging mit Haut und Haaren in seiner Partie auf. Das forderte seinen Tribut. Der Sänger, der bekennt, daß sein Metier etwas mit „Schwerarbeit” zu tun hat und gerade dort, wo es „am leichtesten wirken soll” am kompliziertesten wird, schien zuweilen auch in tiefe Krisen zu schlittern, aus denen er jedoch stets wieder wie der Phönix aus der Asche hervorging.

Während der vergangenen Jahre hat sich Aragall in Wien – und nicht nur hier – rar gemacht. Danach befragt, nennt er vor allem die Programmplanung als Begründung: „Wissen Sie, man hat mich immer zu einer Vorstellung eingeladen: einmal Cavaradossi, einmal Don Carlos. Da hat man kaum Zeit, sich auf eine Produktion einzustellen. Kaum ist man in der Stadt, ist die Aufführung auch schon wieder vorbei.”

Früher war das anders. Da zählte Aragall zu den Stützen des Wiener Repertoirebetriebes und machte im Verein mit Kollegen wie Reri Grist, Kostas Paskalis oder Ileana Cotrubas viele „Rigoletto”- oder „Traviata”-Vorstellungen zu Festen. „Ich liebe diese Stadt und das Wiener Publikum”, sagt er mit hörbarer Begeisterung in der Stimme, „weil man mich hier mit so großer Zuneigung aufgenommen hat. Ich habe viele Freunde hier.”

Dennoch scheint es für den feinfühligen Gestalter Aragall kein Staatsoperngastspiel mehr zu geben. „Oper singe ich in Barcelona, demnächst auch wieder in Paris. Vor allem gebe ich jetzt aber Konzerte. Zuletzt in München mit Ausschnitten aus ,Tosca' und ,Madame Butterfly', oder in Barcelona, wo ich ein gemischtes Programm mit neapolitanischen Liedern und einem Querschnitt aus Gounods ,Faust' gesungen habe. Es war ein Riesenerfolg.” Bei der Gelegenheit durften die Verehrer den Tenor wieder einmal mit den wichtigsten Nummern einer Oper hören, die er seit langem nicht mehr auf der Bühne gesungen hat.

Solche Überraschungen können Musikfreunde nicht nur in Spanien und demnächst in Japan sammeln. Zum Wiener Liederabend bringt Aragall „seinem Publikum” im großen und ganzen jenes bunte Programm, mit dem er vor einigen Monaten in München Furore gemacht hat: „Aber sicher mit ein bißchen mehr Puccini. Im Musikverein allein zu singen, das wird für mich eine aufregende Erfahrung. Das habe ich noch nie gemacht. Überhaupt war ja der Münchner Auftritt mein erstes Solorecital.”

Es entsprach bisher nicht seinem Image, allein im Zentrum eines Abends zu stehen – mit ein Grund für Aragalls Image, das er nun im vierten Jahrzehnt seiner Karriere ein bißchen zurechtrückt. Mit Erfolg; nicht nur beim Publikum: In Spanien wurde Aragall jüngst Doktor honoris causa!




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