PIOTR BECZALA

Ein Gespräch aus Anlass seines Salzburger Festspiel-Auftrtitts 2012 


Wie kommt ein Tenor nach Salzburg? Das ist eigentlich eine verrückte Geschichte. Ich bin eingesprungen. Michael Schade war damals erkrankt und ich sollte den Tamino singen. Das war 1997. Ich war ja engagiert, aber als Cover und nicht für die ,Zauberflöte‘, sondern als Belmonte in der ,Entführung aus dem Serail‘. Man musste mich erst überreden, das zu wagen. Und ich werde es auch nie vergessen: Ich war ganz verrückt, als ich nach einem langen Flug ankam und mich partout nicht an das zweite Quintett erinnern konnte.

Es wollte mir nicht einfallen. Ich grübelte und grübelte, hatte ja keinen Klavierauszug bei mir. Nach einer schlaflosen Nacht – die Musik fiel mir bis in der Früh nicht ein – kam ich zur Probe!“ Dann war die Sache mit der Regie: „Es war die Inszenierung von Achim Freyer, sehr bunt, sehr aufwendig und höchst kompliziert. Gott sei Dank habe ich die gleiche Schuhgröße wie Michael Schade, denn es waren so fantasievolle Kreationen – aus Eisen . . .“

Ein Konglomerat aus Erinnerungen

Für Piotr Beczala bedeutet dieser erste Salzburger Festspielauftritt ein ganzes Konglomerat aus Erinnerungen: „Es war damals meine erste Begegnung mit dem wunderbaren Hermann Prey. Ich wusste ja nicht, dass er in dieser Produktion den Sprecher sang. Plötzlich stand er hinter mir, ich konnte ihn nicht sehen, aber ich erkannte die Stimme sofort: diese Stimme! Und ich dachte: Mein Gott, ich! Ich stehe mit einem meiner Idole auf der Bühne!“„Hermann Prey war dann so nett zu mir. Er hat sogar auf mich gewartet, bis die Vorstellung zu Ende war, um mir zu gratulieren. Das war ein Jahr bevor er starb. Das ist wirklich ein bewegender Moment in meinem Leben gewesen.“

Was so aufregend anfing, ging mit attraktiven Aufgaben weiter: „Da war der Jaquino im ,Fidelio‘, dann Konzerte, der italienische Sänger im ,Rosenkavalier‘ und dann natürlich ,Rusalka‘ und schließlich der Roméo von Gounod.“ Anna Netrebko, die Julia, kennt Beczala seit Langem. Bei den Festspielen haben die beiden auch in der konzertanten Wiederabe von Tschaikowskys letzter Oper „Iolanta“ duettiert. Es ist also ein fast familiäres Wiedersehen, wenn die beiden zum Auftakt der Ära Pereira als Mimi und Rodolfo in Puccinis „La Bohème“ auf der Bühne des Großen Festspielhauses stehen.

„Ich kann mich glücklich schätzen“, kommentiert der sympathisch uneitle Tenor seine bisherige Salzburger Bilanz. Ob es bei Festspielen mehr Proben gäbe als im gewöhnlichen Opernrepertoirebetrieb? „Na, schön wär’s, wenn mehr Zeit wäre. Selbst bei meinem Rollendebüt als Roméo gab es damals weniger Proben, als mir lieb gewesen wäre, weil ich ja nicht im ersten Jahr der Produktion gesungen habe, sondern nur bei der Wiederaufnahme. Wenn eine Inszenierung einmal steht, dann arbeitet man natürlich nicht mehr so ausführlich daran. Das bedeutet dann für einen Quereinsteiger auch Stress. Wie im normalen Saisonbetrieb. Andererseits habe ich es auch gar nicht so gern, wenn eine Inszenierung zu lange probiert wird. Mehr als fünf Wochen, das habe ich schon festgestellt, sind nicht gut. Die Regisseure sind natürlich glücklich, wenn man ihnen ausführliche Vorbereitungszeit bietet.

Aber ehrlich gesagt: Wenn man gute Partner hat, die alle positiv eingestellt sind, dann braucht man nicht so lange. Man sollte doch immer irgendwie hungrig in die Premiere gehen. Dann ist es aufregend und macht Spaß.“ Bei Festspielen aufzutreten, sagt Piotr Beczala, sei für ihn „eine Bedeutungsfrage. Salzburg wird für mich sowieso immer das wichtigste Festival der Welt bleiben. Ich bin ja in Wahrheit ein Sänger, der ganz in die Vergangenheit orientiert ist und die Interpretations-geschichte von der Perspektive eines Fritz Wunderlich betrachtet. Deshalb ist es für mich wichtig, in Salzburg zu singen und es bedeutet für mich eine ganz besondere Spannung, wenn ich die große Geschichte der Festspiele sozusagen im Rücken spüre.“ Wie es im Fall von Hermann Prey bei Beczalas Debüt sogar im wahrsten Sinn des Wortes der Fall war . . .

Aus der Perspektive eines Fritz Wunderlich

Mit dem großen Vorbild Wunderlich hat sich der Tenor seit Langem befasst. „Ich habe seine Aufnahmen in meinen ersten Studienjahren entdeckt – und dann gelesen, dass er wichtige Produktionen in Salzburg gesungen hat. Dann habe ich auch Meisterkurse bei meiner geliebten Sena Jurinac absolviert, die mir viel von ihren Salzburger Erfahrungen erzählt hat. Damals dachte ich, es würde für mich immer unerreichbar bleiben, bei den Salzburger Festspielen engagiert zu werden. Deshalb ist es für mich so schön, hier auftreten zu dürfen. Deshalb war es auch so eine Riesengeschichte, dass man mich 1997 gebeten hat einzuspringen: ein Pole für eine Mozart-Oper! In Salzburg!“

Dass Beczala ein weltbekannter Tenor geworden ist, dass er überhaupt mit dem Singen begonnen hat, das war „purer Zufall“, wie er erzählt: „Ich habe nach meiner technischen Ausbildung bei einem Chor vorgesungen – und mich dort mit dem Virus angesteckt: Das Produzieren von Tönen bereitet mir einfach ungeheure Freude.“ Er ließ sich Zeit, um vom Chorsänger zum Solisten zu werden: „Das predige ich auch meinen jungen Kollegen: Arbeit und Geduld sind die wichtigsten Tugenden für einen Sänger.“


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