HILDEGARD BEHRENS

Karajans "Salome", die Brünnhilde einer ganzen Generation
Die Sängerin (1937 - 2009) im Gespräch im Jahre 1995


Thomas Bernhard hätte gewiß für sie komponiert

Hildegard Behrens im Gespräch.

"Ritter, Dene, Voss – intelligente Schauspieler", lautet eine Notiz Thomas Bernhards aus der Zeit der Arbeit an einem der subtilsten seiner Theaterstücke. Wäre Bernhard Komponist gewesen, hätte er vielleicht eine Oper für Hildegard Behrens geschrieben, die "intelligente Sängerin". Wie mit kaum einem ihrer Kollegen läßt sich mit der Behrens nicht nur über allgemein musikalische Aspekte einer Oper reden, sondern auch über Hintergründe, Tiefenschichten, über das geistige Umfeld.

Wenn sie gerade "Wozzeck" probt, wie diese Woche (Dezember 1995) in Wien, wird im Gespräch bald deutlich, wie sehr sich diese Interpretin nicht nur um die Psychologie der eigenen Rolle kümmert, sondern alles bedenkt, was zum Gestaltungsumfeld gehört – und wie all das in ihre, die "Behrens'sche" Bühnenwelt einzuordnen sei: "Ich möchte", sagt sie, "nie ein bestimmtes Fach singen, wie man es mir gern zuordnet: Die Hochdramatische, die lyrisch klingt oder sonst etwas". Dergleichen Kategorisierungen sind ihr viel zu oberflächlich und nichtssagend. "Ich möchte die Liebeskraft auf die Bühne bringen, bei der Leonore, der Brünnhilde, der Marie. Denn auch die Marie liebt ihren Franz ja trotz allem noch immer. Das ist ihr Zwiespalt: Sie glaubt innerlich an einen Neubeginn, sieht aber Wozzecks Zerrüttung. Sie geht zum Teich mit wie ein Opferlamm, weissend, was passieren wird."

Solche "Liebeskraft" umzusetzen, bedarf es, meint die Behrens, nicht vorrangig physischer Gewaltakte: "Man muß nicht wie ein Bulldozer agieren. Es braucht Feuer und Licht ."

In diesem Sinn sieht sich Hildegard Behrens gar nicht als typische Vertreterin der Spezies "Heroine", obwohl sie seit Jahrzehnten das schwere Fach bedient und sich der Opernfreund oft fragt, wo eine dermaßen zarte Person so viel Kraftreserven hernimmt: "Ich bin ja gar nicht zart", wehrt sie ab: "Das sieht nur so aus." Disziplin, durchaus vegetarische Ernährung: "Die Infrastruktur muß stimmen", kommentiert die immer besonnene Sängerin und freut sich auf Herausforderungen wie die kommenden Wiener "Ring"-Zyklen, einen "Tristan" zur Eröffnung des Münchner Prinzregententheaters unter Lorin Maazel, der auch die kommende Salzburger "Elektra" dirigiert.

Auf letztere wartet die Behrens besonders gespannt, weil da zum letzten Mal die Konfrontation mit der Klytämnestra von Leonie Rysanek bevorsteht: "Das ist wunderbar. Zwischen uns beiden stimmt die Chemie". Wo sie nicht stimmt, nimmt Hildegard Behrens schon lang keine Engagements mehr an. Als ihr Karajan, der ihr mit "Salome" zum internationalen Durchbruch verholfen hatte, die Elektra anbot, lehnte sie ab: "Er hatte zwar recht, daß ich die Partie im Studio hätte singen können. Aber die innere Logik der Entwicklung hätte nicht gestimmt. Ich wollte noch nicht auf die schwere Bahn kommen, hätte dann wahrscheinlich nicht mehr die Fiordiligi singen können. "

So wenig wie auf Mozart verzichtet sie darauf, kluge Programme zusammenzustellen, wenn sie als Konzertsängerin agiert. Ein sinnloses "Arienprogramm" zu absolvieren, käme der Behrens nicht in den Sinn. Sie gestaltet Uraufführungen von Werken, die eigens für sie komponiert sind, sie singt – im Jänner auch wieder in Wien im Konzerthaus – Schönbergs "Erwartung" und versucht, dafür auch sinnreiche Kopplungen zu finden. Nur für besondere Anlässe, wie demnächst für das Jubiläumskonzert Levines an der Met, gibt es den "Dispens", und die Künstlerin singt die Hallenarie aus dem "Tannhäuser": "Ich komme als erste dran. Gibt's einen schöneren Beginn?"




Salomejpg
Den "Beginn" der Weltkarriere der Behrens markierte eine Neuproduktion von Richard Strauss' "Salome" bei den Salzburger Festspielen Ende der Siebzigerjahre. Die studierte Juristin hatte schon seit 1972 in Deutschland verschiedene Engagements. Aber ein Vorsingen vor Herbert von Karajan brachte den Durchbruch. Der Maestro holte die Künstlerin zu den Festspielen - und nahm "Salome" mit ihr auch im Studio in Wien auf.




Sinkothek Banner schmaljpg      Beckmessers Diariumjpg