ARTURO BENEDETTI MICHELANGELI

Glasklares Klavierspiel

Maestro in Moll hat man ihn genannt, denn sein strenger Blick war so weltberühmt wie sein Klavierspiel, das man nicht mögen mußte, um dennoch zu wissen, daß es unvergleichlich war.

Die erste Assoziation: Ein Schwieriger. Wenigen Musikern unseres Jahrhunderts ist dieses Epitheton so häufig appliziert worden wie ihm. Er war nur sehr selten avisiert. Und noch viel seltener hat er wirklich gespielt. Wer weit reiste, um die Legende spielen zu hören, mußte oft enttäuscht umkehren. Der Große sagte gern auch im letzten Moment ab. Die diesbezüglichen Launen des Pianisten haben Schlagzeilen gemacht. Es mangelte auch nicht an Deutungen derselben. Manche hatten auch mit seiner Kunst zu tun. An diese wollen wir uns halten: Arturo Benedetti-Michelangeli war zeitlebens ein Perfektionist.

Das schreibt sich leicht und wird bald einem Interpreten nachgesagt. Aber bei Benedetti war es auch nachzuhören. Daß er tage- und wochenlang am Flügel saß, um einen bestimmten Lauf bei Schumann wirklich glasklar und perlend aus den Tasten zu zaubern, glaubten auch seine Konkurrenten, deren keiner so ebenmäßig Klavier zu spielen imstande war und ist. Auch kritische Geister unter den Klaviermusik-Spezialisten heben die ans Ästhetizistische grenzende Manie des Künstlers hervor, seine Anschlagkultur klinisch sauber zu halten. Mag sein, daß daraus zuweilen der Eindruck einer gewissen Kühle entstand.

Die Dokumente von des Italieners früher Meisterschaft, sein Warschauer Konzert-Mitschnitt aus den fünfziger Jahren zum Beispiel oder die längst zur Referenz erhobene Aufnahme von Schumanns "Faschingsschwank aus Wien", beweisen das Gegenteil: Daß sich nämlich souveränes, technisch unfehlbares Spiel auch in höchste Poesie, zuweilen sogar in Leidenschaft – wenn auch immer nur verhaltene, durch Noblesse geadelte Leidenschaft – verwandeln konnte.

Auch manche Wiener Abende grenzten dann an musikalische Erfüllung: Wann hat etwa ein Pianist so lupenrein und kristallklar Debussy-Préludes aus dem Flügel gezaubert? Nicht aus irgend einem Flügel, versteht sich, sondern aus einem eigens für diesen Pianisten eingeflogenen. Denn nicht nur seine Finger, auch das Elfenbein darunter unterlagen den harten Zuchtkriterien des Unbeugsamen. Dann waren da Zyklen wie jener der Beethoven-Konzerte, die Benedetti mit Carlo Maria Giulini für Schallplatten aufnehmen wollte. Auch der wurde abgebrochen – immerhin aber nicht vor, sondern während der Realisierung.

So sind denn nur wenige, viel zu wenige Tondokumente erhalten, die der Nachwelt beweisen könnten, vor welchem Phänomen da einst alle Gesetze des "musikalischen Marktes", alle Vorstellungen von Konzertveranstaltern, manchmal auch alle Hoffnungen des Publikums zu kapitulieren hatten. Ein Video-Band aber gibt es von Benedettis Aufführung des Ravel-Klavierkonzertes, das wie kaum ein anderes Stück seiner eigenen Kunstauffassung einer durch anspruchsvollste Geschmacksfilter gesäuberten Klanglichkeit entsprach. Mit dem kongenialen Sergiu Celibidache gelang da eine Aufführung, die den Hörer erkennen läßt, warum Igor Strawinsky einst über Ravel von einem präzisen "schweizerischen Uhrmacher" gesprochen hat: Ein edleres, feiner herausgeputztes Ton-Kunstwerk ward selten gehört. Solche Höhenflüge bedürfen offenbar bizarrster Selbstkontrolle. Im Musikverein hat sich Benedetti einmal in ein Zimmerchen eingesperrt und wollte nicht auftreten. Er hat's dann doch getan. Aber das hätte nicht so ausgehen müssen.

Wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht, findet bei Herbert Rosendorfer (im "Der Ruinenbaumeister") die schönste Verklärung aller Eigenwilligkeiten des Maestro, die sich denken läßt. Er war schon literarisch geworden, der seltsame Große aus Brescia, als er  1995, 75jährig, in einem Spital in Lugano starb.


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