ALFRED BRENDEL

Franz Schuberts Anwalt am Flügel

Irgendwie zahlen wir ihn gern zu den "Wiener Pianisten", was naturlich eine drastische Verbiegung der Geschichte darstellt. Aber bei Alfred Brendel, dem Meister der verschlungenen musikalischen Pfade, wird vielleicht sogar das erlaubt sein. Vermutlich verbucht ihn ja auch London auf sein Kulturkonto. Schließlich lebt der Kunstler seit einem halben Jahrhundert in England.

Also lieber der Reihe nach. Die Biographie des Pianisten Alfred Brendel liest sich wie eine verspatete Anleihe an typisch altosterreichischen Lebenslaufen. Geboren wurde er in Wiesenberg/Nordmahren als Sproß einer deutsch- osterreichischen Familie, die wiederum auf der Adriainsel Krk eine Ferienpension betrieb. Die Schule besuchte er in Agram, wo er auch seinen ersten Klavierunterricht erhielt.

Jetzt wird es kunstlerisch-kosmopolitisch. Denn die Lehrerin Sofija Dezelic war Huterin einer großen Tradition, die von Franz Liszt ausging, dessen Schule sie entstammte. Es liegt wohl daran, daß Brendel seine ganze Karriere lang fur Musiker wie Liszt oder auch Ferruccio Busoni, die im internationalen Musikgeschaft ein wenig scheel angesehen werden, ein Faible hatte und konsequent fur die Verbreitung von deren Werken eintrat.

Aber weiter im Zeitraffer. 1943 ubersiedelte die Familie Brendel nach Graz. Das dortige Konservatorium legte fur den jungen Mann die Grundlage zur solidesten musikalischen Ausbildung, studierte er neben seinem Instrument doch auch Komposition und absolvierte die Staatsprufung als Externist in Wien. Soviel zum "Wiener Pianisten" Brendel, der von Anbeginn nicht nur als virtuoser Klavierkunstler, sondern als vielseitig beschlagener Intellektueller und kreativer Kopf gelten durfte. Kauziger Humor Schon in Graz zeigte er 1948 Aquarelle. Lustvoll prasentiert er sich auch später gern als sprachgewandter Schriftsteller mit Hang zum skurril-kauzigen Humor.

Von Wien, wo er ab 1950 daheim war, trat er immerhin seine pianistische Weltkarriere an. Mozart und Beethoven standen im Zentrum des Repertoires, das man von dem jungen Kunstler, der später auch als "Lordsiegelbewahrer der Klassik" apostrophiert wurde, zu hören wunschte. Bald schleuste Brendel in seine Programme jedoch schon jene Komponisten ein, die er neben den beiden meistgespielten Großen aus ihrer Isolation zu befreien wunschte: Sowohl Haydn als auch Schubert, das hatte Brendel schnell erkannt, waren (und sind) zwar ebenso haufig genannte Namen der Musikhistorie, aber ihre Werke sind mit wenigen Ausnahmen den meisten Konsumenten so gut wie unbekannt.

So baute Brendel regelmaßig Sonaten dieser beiden Meister in seine Konzerte ein, uberzeugte Publikum wie Kritik immer aufs neue davon, wieviel hintergrundiger Humor bei Haydn, wieviel innere Große bei Schubert zu finden sind.

"Schubert, das ist doch Musik fur kleine Madchen am Konservatorium", auf diesen Nenner hatte ein Komponist wie Alexander Skrjabin die allgemeine Meinung einmal auf den Punkt gebracht. Alfred Brendel mochte daran nicht glauben. Wenn es einen Pianisten gegeben hat, der fur die wahre Entdeckung der Schubertschen Klaviermusik entscheidende Schritte gesetzt hat, dann war es Brendel. Padagoge mit Lust Seine Schubertzyklen haben sogar in der Heimatstadt des Komponisten Ohren geoffnet, falsche Bilder korrigiert, Vorurteile abgebaut und manchen Kommentator beschamt. Das ist der Padagoge Brendel, der freilich uber aller lehrreichen Kunst nie die Lust am Klang, die Lust am direkt zupackenden musikalischen Ausdruck vergessen hat. So wurde er popular, und das Publikum akzeptierte es und kaufte Karten, wenn er einmal ein Liszt-Raritatenprogramm ansetzte. Stets darf man bei ihm sicher sein, nicht nur intellektuell, sondern auch emotionell auf seine Rechnung zu kommen.

Freilich: Wenn er mit Simon Rattle und den Wiener Philharmonikern ins Studio ging, um die Beethoven- Klavierkonzerte aufzunehmen, dann machte diese Beschaftigung mit den Hohepunkten der Wiener Klassik nach wie vor aufs selbstverstandlichste weltweit Schlagzeilen und brachte sogar Schallplattengesellschaften dazu, Exklusivkontrakte zu vergessen, um einem großen Mann einen Herzenswunsch zu erfüllen. Eine neue Platte von Brendel garantierte j aimmerin bis zuletzt einen Sprung in die Charts.

Brendel Schubertjpg Alfred Brendels längst "klassische" Schubert-Einspielungen (urpsrünglich Philips)

(2001)





Sinkothek Banner schmaljpg      Beckmessers Diariumjpg