MARIA CALLAS

Die Primadonna assoluta, die nie einen Dirigenten sah


Vorsingen im Konservatorium von Athen. Schon die Vorstellung, dieses Mädchen könnte Sängerin werden, schien der Gesangsprofessorin Elvira de Hidalgo "unsagbar lächerlich". Die Erscheinung der jungen Dame, so Hidalgo, wirkte abschreckend: "Sie war groß und fett und trug eine Brille mit dicken Gläsern." Die Kurzsichtigkeit blieb Maria Anna Cecilia Sofia Kalogeropoulos bis an ihr Lebensende erhalten. Im Übrigen hat sich die 1923 in New York geborene Tochter griechischer Eltern durch Abmagerungskuren und eiserne künstlerische Disziplin zu einem Weltstar, zu der Operndiva schlechthin entwickelt. Als Maria Callas eroberte sie die Welt - und die Schlagzeilen, nicht nur der Kulturseiten. Wenn diese perfekte Darstellerin auf der Bühne stand, merkte niemand etwas von ihrer Sehschwäche.

Hochexpressiv. Der Pariser Agent Michel Glotz sagte einmal: "Sie hat in ihrem ganzen Leben von der Bühne aus nie einen Dirigenten gesehen." Er meinte das bewundernd für die Sängerin und ihre wichtigsten Maestri, denn die Harmonie, die Callas etwa mit ihren "Chef prefere", Georges Pretre, in Rhythmus und Phrasierung erreichen konnte, war vollständig. Es dauerte denn anlässlich des ersten Vorsingens im Konservatorium von Athen nur ein paar Minuten, bis die Gesangslehrerin die optischen Unzulänglichkeiten vergaß und nur noch lauschte. Mit geschlossenen Augen vernahm Hidalgo den hochexpressiven, dramatischen Gesang einer geborenen Musikgestalterin, noch ungeschliffen und ungelenk, aber erfüllt von einem Ausdruckswillen sondergleichen stand da die Diva des 20. Jahrhunderts vor ihr. Es muss für die Gesangspädagogin eine Wonne gewesen sein, diesem überreichen Material Form und Halt zu geben.

Die Hidalgo war im Leben der Callas vielleicht die wichtigste Konstante, eine prägende Persönlichkeit auch insofern, als sie ihr das nötige Wissen um verborgene Schätze des Repertoires vermittelte, die, davon war Hidalgo überzeugt, die Callas zu heben geboren sei. Eine immense prophetische Leistung auch das: Die Arie, die das dicke Mädchen vorgesungen hatte, stammte aus dem "Oberon" von Carl Maria von Weber. Und es war das dramatische deutsche Repertoire, in dem die zu gewaltigen Eruptionen fähige Stimme zuerst reüssierte. Selbst Tullio Serafin, profunder Kenner von Singstimmen, engagierte die junge Callas, die er in der Arena von Verona in Ponchiellis "Gioconda" hörte, für Aufführungen des "Tristan" und der "Walküre". Isolde und Brünnhilde waren ihre ersten Partien, die sie unter der musikalischen Leitung ihres Förderers und künstlerischen Betreuers Serafin sang. Doch während einer Aufführungsserie der "Walküre" geschah das Unglaubliche. Serafin fragte bei seiner Brünnhilde an, ob sie quasi im Flug die Elvira in Bellinis "Puritanern" übernehmen würde. Callas kannte gerade einmal eine Arie aus der Oper.

Wagner und Belcanto. Doch Serafin machte seinem Namen als Connaisseur und wahrer "Maestro" seiner Ära Ehre: Die Wagner-Heroine wurde zur Belcanto-Königin. Oder genauer: Die Wagner-Heroine war auch die Belcanto-Königin - der Nimbus, in jedem Stil perfekte Leistungen erbringen zu können, bescherte Maria Callas das Epitheton "Primadonna assoluta"; und sie war tatsächlich die einzige Sängerin im 20. Jahrhundert, auf die diese Etikettierung wirklich passte.

Man muss Studioaufnahmen und Livemitschnitte der frühen Jahre hören, um zu wissen, was dieses Interpretenphänomen von anderen exzellenten Sängerinnen unterschied. Verve, Attacke, Ausdrucksgewalt, die Hidalgo vom ersten Moment an begeisterten, gehörten zum Gesang der Callas dazu, gleich, welchem Repertoire sie sich widmete. Und wer nun meint, das sei ein Widerspruch zum vorher Gesagten, irrt. Denn die Anmutung, dass für den Belcanto nur zart besaitete Stimmen geeignet seien, deren dynamischer und klanglicher Radius dezent zurückgenommen sein sollte, entstammt einer Zeit, in der die normative Kraft des faktischen Unvermögens unsere Wahrnehmung und Urteilsfähigkeit diktiert.

Kürzlich ist eine CD-Edition der Aufnahmen von Birgit Nilsson in den Handel gekommen - auch eine Ausnahme-Diva, und ebenfalls eine Sängerin, die viel ausgreifender agieren konnte als die Fama wahrhaben möchte. Nilsson blieb als Isolde und Brünnhilde, als Elektra und Turandot in Erinnerung, aber noch in den Sechzigerjahren schien es keineswegs absurd, dass man sie auch als Donna Anna für Mozarts "Don Giovanni" ins Studio bat. Seither wird diese Partie immer leichter und in jüngster Vergangenheit viel zu leicht besetzt, als dass die furiosen Qualitäten dieser Figur ganz ausgelotet werden könnten.

Diese Kunst, eine Figur in ihrer Gesamtheit zu erfassen, Schicksale in ihre Tiefenstrukturen zu durchdringen, war der Callas gegeben: Sie konnte auch hochdramatischen Partien in die zartesten Regungen nachspüren, vermittelte aber den vokal scheinbar leichtergewichtigen Figuren Tiefendimensionen und Emotion, von denen Musikfreunde in der Opernpraxis nur träumen konnten (und können). Glücksfälle wie die Callas sorgen für Realisierungen von Idealvorstellungen, die sonst nur in den Köpfen von Komponisten und Musikfreunden existieren. Jürgen Kesting verweist in seinen Texten auf einen Mitschnitt von Verdis "Nabucco" in Neapel, in dem die junge Callas exemplarisch vorführe, wie recht der Vokal-Connaisseur John Ardoin mit seiner Feststellung gehabt hat, die Rolle der Abigail erfordere "eine Isoldenstimme mit Puritani-Agilität". Die Quadratur des Kreises also.

Die Callas wusste sie zu berechnen, in ihrer Glanzzeit in jeglichem Fach. Sogar als Wagners "Kundry", in italienischer Sprache freilich, aber in einer geistigen Durchdringung dieser Figur. Vokale Wirkungsmacht, Fleiß und künstlerische Selbstzucht zeichneten die Callas aus. Es war wohl nicht Selbstsucht, die diese einzigartige Karriere so früh einem Ende zutrieb, sondern der Totaleinsatz einer Frau, die nie weniger als alles geben wollte. Aus solchem Stoff sind Mythen. Wer wollte sich an der Callas messen?