Florez

Über das sicherste hohe C unserer Zeit. Rezension des Solorecitals im Konzerthaus 2008

Juan Diego Florez ist vielleicht das größte Stimmphänomen, das in der jüngeren Vergangenheit auf den internationalen Opernbühnen zu entdecken war. Es gab, zugegeben, einige, wenige Tenöre mit besonders schönen Stimmen, denen die Herzen zuflogen, auch wenn sie keineswegs immer perfekt sangen. Es gab einige, noch weniger Tenöre, die ihre viel weniger auffällig timbrierten Stimmen technisch makellos beherrschten, Stilisten von Rang, die von Kennern besonders adoriert wurden. Einen Tenor mit einer prachtvollen, zu strahlender Entfaltung wie zu subtiler Pianokultur befähigten Stimme und gleich, also außergewöhnlich hoch entwickelter Gesangskultur, den gab es nicht.

Jetzt ist er da. Im Rahmen eines Arien-Abends präsentierte Florez sein Können, vom ersten Ton an – angesichts souveräner Beherrschung auch extremer Höhenlagen – siegesgewiss, und sogar mit viel Humor angesichts exzentrischer Besucherinnen im Wiener Konzerthaus. Belcantokunst aller Couleurs war gefragt, von Bellinis zerbrechlich-minutiöser Linienführung („Capuleti“) über Rossinis Agilità und Bravour („Turco in Italia“ und „Wilhelm Tell“) bis zu Donizettis Universalität, die nebst herzerwärmender Kantilene („La Favorita“) auch heldenhafte Jagd nach neun hohen Cs in der „Regimentstochter“ erheischte – Florez beherrscht alle Spielarten des kultivierten Gesangs. Die Spitzentöne machen ihm nicht nur keine Mühe, sondern offenkundig sogar Spaß. Sein Tenor ist im Übrigen ungemein beweglich, absolviert Koloraturen blitzsauber und akkurat, verliert aber auch angesichts heikelster artistischer Herausforderung nie Lebendigkeit und Ausdruck. Faszinierend, wenn er zwischendurch anhand zweier Zarzuela-Ariosi auch jenseits der allerhöchsten Regionen mit differenzierten dynamischen Nuancierungen bis zum gehauchten Pianissimo punktet.

Unter den Zugaben – nebst mühelosem Cis in der euphorisch erklatschten Wiederholung (!) der Canzonetta des „Rigoletto“-Herzogs – auch Gounods „Romeo“-Romanze, die in perfekter Phrasierung hören ließ, wohin sich diese Stimme noch entwickeln kann.


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