Florian Boesch

Anmerkungen über die Kunst des Liedersingens

Dringlicher, krasser als gewohnt klingt Franz Schuberts "Winterreise", wenn ein Interpret wie Florian Boesch, am Flügel von Justus Zeyen umhegt, mit der ihm eigenen Unbedingt ans Werk geht. Da werden Seelenprotokolle zu dechiffriert.
Schubert selbst nannte diese Lieder „schauerlich“. Daran halten sich Boesch und Zeyen, der manche der musikalischen Details mit einer Schroffheit aus dem Flügel meißelt, dass auch der Hörer, der die Stücke gut zu kennen meint, sich fragt, ob all das tatsächlich in solch geradezu avantgardistischer Nacktheit und Ungeschminktheit in den Noten steht?
Es steht drin. Und Boesch singt, nein: rezitiert die bitterbösen, seelenzerfleischenden Gedichte ebenso genau nach den Noten, die Schubert dafür vorgesehen hat, aber doch wie ein frei sprechender, gewandter Redner. Er erzählt die Geschichte vom verstoßenen Liebhaber, zeigt uns in jeder Phase dieser Flucht nach innen sämtliche Verletzungen, die der verzweifelte Wandersmann im Gemüt mit sich schleppt. Farbliche, artikulatorische Differenzierungskunst führt uns manches illustrative Detail ganz bildhaft vor Augen: Das „Irrlicht“ kann man schimmern sehen. Vor allem aber spiegelt die Vokallinie seismographisch sprachliche Feinheiten. Einen Konjunktiv kann man, Boesch lässt uns das erleben, durch eine Verzögerung, die vielleicht einen Sekundenbruchteil dauert, in einen mentale Keulenschlag verwandeln. Die Altvordern bezeichneten den rhetorisch-musikalischen Vorgang als Rubato. Wie ein solches funktioniert und warum das Gefühl dafür eine der nötigen Grundvoraussetzungen für das Erfassen und Wiedergeben der wichtigen Werke unserer abendländischen Musik darstellt, kann man bei Boesch und Zeyen lernen.
Dazu gehört beispielsweise auch die auf den ersten Blick paradox anmutende Kunst, innerhalb einer freien, nur dem Textgehalt folgenden Phrasierung ein Tempo im Grunde beizubehalten und rhythmisch feinste Schattierungen zu befolgen. Da ist etwa die unter Interpreten viel diskutierte Frage, ob in der „Wasserflut“ tatsächlich zwischen Sechzehnteln und Achteltriolen zu unterscheiden ist. Darüber sind halbe Lehrbücher mit unterschiedlichen Ansichten gefüllt worden.
Boesch und Zeyen differenzieren hier ganz genau und führen damit den Kontrapunkt sozusagen in metrischen Dimensionen auf die Spitze; dennoch wirkt es natürlich, fast improvisatorisch und macht einen solchen Abend, zu einer Bilderreise, gemalt in Tönen und Klängen . . .