ELINA GARANCA

Primadonna aus der Mezzo-Regiion 

Wiener Musikfreunde kennen sie seit ihren Anfängen. Jänner 2003 sang eine junge Lettin, die sich ihre ersten Sporen im Ensemble des Staatstheaters Meiningen verdient hatte, die Lola in Mascagnis "Cavalleria rusticana" an der Wiener Staatsoper - für 2019 ist ihre erste Wiener Santuzza in derselben Oper angekündigt. Dazwischen liegt eine Bilderbuchkarriere, die das Mädchen aus Riga, das einsam in seinem Hotelzimmer in der deutschen Provinz Opernpartien und - mittels Wörterbuch und "Tagesschau" - auch die deutsche Sprache studierte, in den Olymp der Opernwelt katapultierte.

Durch Bühnenpräsenz und Stimmschönheit vermochte sie zunächst sogar in Nebenrollen auf sich aufmerksam zu machen. Kennern fiel sie sogar als Meg Page in Verdis "Falstaff" auf - einer Stichwortgeber-Partie. Schon zwei Jahre nach ihrem Hausdebüt aber war Elina Garanca in Wien bereits Premierenbesetzung für die Charlotte in Massenets "Werther"; am Pult stand damals Philippe Jordan, der künftige Musikdirektor des Hauses, der ab 2020 mit "der Garanca" zusammenarbeiten wird, die längst zum Kassenmagneten geworden ist, zur Diva aus der Mezzoregion: Selbst neben Anna Netrebko in der legendären TV-Übertragung von Donizettis „Anna Bolena“, einem der Höhepunkte der jüngeren Wiener Staatsopern-Geschichte, war Elina Garanca keineswegs die „Seconda Donna“, sondern ebenbürtige Partnerin. Stimmliche Ausdruckskraft wie schauspielerische Präsenz rühmen Rezensenten weltweit an der lettischen Künstlerin

Seit dem Debüt hat sich vieles geändert. Schon anlässlich der Neueinstudierung von Mozarts "Titus" im Haus am Ring, 2012, meinte die Sängerin: „Ich war gewöhnt, immer die jüngste in einem Ensemble zu sein. Das ist vorbei. Abgesehen von Juliane Banse und Michael Schade sind alle jünger als ich. Und ich muss sagen: Es ist toll, den aufstrebenden Kollegen zuzuschauen. Man spürt vom ersten Moment an Persönlichkeit, den Mut, sich durchzusetzen. Ich versuche mich da zu erinnern, ob ich auch so war.“

Ihre Zeit im ersten Engagement am Staatstheater Meiningen beschreibt Elina Garanca heute als „extreme Erfahrung. Ich war ja ganz jung. Konnte kein Wort Deutsch. War zum ersten Mal weg von zu Hause. Man ist einsam. Aber man ist auch stolz, sein erstes Geld zu verdienen...“

Wie man sich Meisterwerke erschießt

13 Jahre später war sie längst ein Weltstar und freute sich, mit Jürgen Flimm Mozarts Prager Krönungsoper zu erarbeiten. „Man sagt immer wieder, dass diese Oper nicht ganz vollkommen ist, weil die Rezitative nicht von Mozart stammen. Aber in den Arien und Ensembles arbeitet Mozart genauso psychologisch tiefgreifend wie in seinen anderen großen Opern! Wir haben die Rezitative ein bisschen verkürzt und versuchen, die Geschichte nicht als eine Art Historiendrama zu erzählen, sondern wir spüren die psychologischen Beweggründe auf, die die Handlung in Gang bringen.“

Das sei keinen Deut weniger spannend als bei den berühmteren Mozart-Opern: „Bei Mozart steht oft ein Fragezeichen am Ende. Am meisten diskutiert bei ,Così fan tutte‘. Aber auch hier darf der Zuschauer weiterdenken: Was passiert mit Sesto? Werden Servilia und Annio glücklich miteinander?“

In Meisterwerke einzudringen, zählt zu den spannenden Herausforderungen ihres Berufs. „Wenn ich die Oper nicht kenne, nehme ich den Klavierauszug, kaufe eine CD und höre mir das Stück einmal an.“ Was die Darstellung betrifft, versucht sich Garanca vor Beginn der Probenarbeit frei zu halten von allzu fixen Ideen: „Ich versuche, die psychologische Ebene einer Partie nicht vollständig zu Hause zu erarbeiten. Es kann ja oft vorkommen, dass man zur Probe kommt, und der Regisseur öffnet einem eine ganz andere Tür! Ich bin ja durchaus auch dafür zu haben, einmal etwas ganz anders zu machen, als ich es mir zunächst vorgestellt habe. Ich will von einem Regisseur nur wissen, warum was passieren soll. Wenn er mir das erklären kann, dann kann ich gut mit ihm arbeiten.“

Auf akribische Einstudierungsarbeit legt Elina Garanca vor allem dann Wert, wenn sie eine Rolle das erste Mal auf der Bühne singt: „Wenn man eine Figur da ganz nahe an sich heranbringen kann, hat man für die Zukunft viel gewonnen. Das hat Jonas Kaufmann unlängst auch gesagt: Das erste Mal ist das wichtigste. Das ist ja bei den meisten Dingen im Leben so...“

Singt man eine Partie dann in vielen verschiedenen Inszenierungen, dann wächst auch die eigene Interpretation mit: „Klar, wenn man eine Partie zehn Jahre lang singt, dann ist die Interpretation so etwas wie eine Sammlung der Höhepunkte von 25 Produktionen!“ Wobei die Künstlerin sich glücklich schätzt: „In den 13 Jahren, die ich auf der Bühne stehe, bin ich nie einem Regisseur oder einem Dirigenten begegnet, über den ich sagen musste: mit dem nie wieder.“

Mittlerweile hat sie einen Status erreicht, der ihr ermöglicht, mit Regisseuren vorab Gespräche zu führen, bevor sie für eine Produktion zusagt: „Vor meinem ,Carmen‘-Debüt an der Metropolitan Opera gab es ein Treffen mit dem Regisseur in London. Wir haben in einem langen Dialog festgestellt, dass unsere Vorstellungen gar nicht so weit auseinanderliegen.“

Außerdem freut sie sich, international ihre Lieblingspartien singen zu können, „immer wieder den ,Rosenkavalier‘, auch die Charlotte im ,Werther‘, den Sesto oder auch die Marguerite in ,Damnation de Faust‘ von Berlioz.“

In diesem Fach fühlt sich die Stimme wohl. „Natürlich kommen immer wieder Angebote für die Eboli im ,Don Carlo‘ oder die Amneris in ,Aida‘. Und natürlich reizen mich diese Angebote. Aber die Amneris werde ich frühestens in fünf Jahren singen", meinte sie 2012, "auch Partien wie Saint-Saens' Dalila. Die Intendanten stecken uns in Schubladen. Wer einmal die Dalila gesungen hat, wird einfach nicht mehr als Sesto engagiert.“

Wagnisse sind es gewiss, die Garanca mit ihren Repertoire-Erweiterungen eingeht. Als sie dann 2018 tatsächlich erstmals die Eboli in Verdis "Don Carlos" sang - wiederum unter Philippe Jordan in Paris -, hielt die Opernwelt den Atem an: Da wage sich eine der wohltönendsten Mezzostimmen auf gefährlich dramatisches Terrain, meinten viele. Doch die Premiere wurde zu einem persönlichen Triumph für die Künstlerin, die solche Pfade nur perfekt vorbereitet betritt.

"Immer singe ich die großen Szenen und Duette einer neuen Partie vorab schon im Konzertsaal." Das hat sich bewährt: "Ich weiß dann, wie die Stimme mit Orchesterbegleitung bei bestimmten Passagen reagiert."

Bühnendebüts absolviert sie "immer in Begleitung einer Vertrauensperson. Anfangs war das meine Mutter. Jetzt ist es mein Lehrer, der bei den Proben zu ,Samson und Dalila' in Wien dabei ist, wie er jeden großen Schritt, den ich in der Öffentlichkeit mache, begleitet, die erste Santuzza, die erste Eboli."  

2020 die Amneris 

Er "überwacht" also auch den ersten Bühnenauftritt der neuen "Dalila" - die Staatsopernpremiere am 12. Mai bringt das internationale Rollen-Debüt. Er wird in zwei Jahren dabei sein, wenn die Garanca ihre erste Amneris in "Aida" singen wird; eine Grenzpartie im Verdi-Fach, die den ersten Auftritt in einer Grenzpartie im Wagner-Fach vorbereiten wird: "Ja, es stimmt - und es ist erstaunlich, dass ich darauf am meisten angesprochen werde: 2021 kommt die Kundry."

Die rätselhafteste aller Frauengestalten des Bayreuther Meisters in seinem letzten "Bühnenweihfestspiel", dem "Parsifal", fesselt die Garanca seit Langem: "Ich glaube, die Kundry wird mir liegen. Jedenfalls betrachte ich sie als maximale Herausforderung für die Sängerkarriere. Und wann, wenn nicht mit Mitte vierzig, sollte ich mich daran wagen?"

Diese neue Welt der Elina Garanca fordert freilich einen anderen Umgang mit dem Energiehaushalt als von früher gewohnt: "Ich glaube", sagt sie lächelnd, "den Sesto in Mozarts ,Clemenza di Tito' oder die Charlotte könnte ich auch um vier Uhr morgens singen. Für eine Santuzza oder eine Eboli braucht man jedoch acht Stunden Schlaf. Mit der Kundry werde ich dann hoffentlich sagen können: Ich bin angekommen - ich werde dann schon wissen können, wissen sollen, wissen müssen, wie man's durchsteht. Wobei ich ja an lange Partien gewöhnt bin, der ,Rosenkavalier' hat ja auch das erste und das letzte Wort in dieser Oper, der Romeo ist eine enorme Herausforderung. Für die noch gewichtigeren Dinge braucht man dann halt Einteilungsfähigkeit und einen kühlen Kopf."