FRIEDRICH GULDA

Versuch einer Annäherung an einen Schwierigen

Wer den Namen Friedrich Guldas vernimmt, der denkt an – Beethoven, Mozart, Schubert. Genauer: an unvergleichliche Erlebnisse, die dieser Pianist mit der Musik dieser Meister bescheren konnte. Wenn er wollte.

Man weiß, daß der Pianist immer seltener, zuletzt so gut wie gar nicht mehr gewollt hat. Friedrich Gulda war ein Verzweifelter. Das sprach auch aus einem erschütternden Brief an viele Zeitungsredaktionen, in dem er sich im Jahr vor seinem Tod Nachrufe  ausdrücklich verbat. Er wußte natürlich, daß man ihm zuwiderhandeln würde. Weil er auch wußte, daß man ihn, seine Kunst geliebt hat, auch – und gerade dann – wenn man ihm das eine oder andere Mal deutlich zu verstehen gegeben mußte, daß ihn seine Wege in Gefilde führten, die vielen Musikfreunden unverständlich geblieben sind. Die Musikkritiker, deren Arbeit die Meinung vieler verstörter Gulda-Verehrer widerspiegelte, verabscheute Gulda als Teil jenes Musikbetriebs, der ihm als Ganzes zuwider war. Gulda, das war der begnadete Pianist, der sich wie kein anderer darauf verstand, den wienerischen Ton mit allen himmlischen und tödlichen Valeurs bei Schubert zu treffen, der Mozart mit jener Hintergründigkeit musizierte, die der Musik jegliche Zuckerwatten-Leichtigkeit vorenthielt, ohne auf schwebende Eleganz zu verzichten.

Und genau dieser Pianist wollte Friedrich Gulda nicht sein. Schon in den sechziger Jahren machte er seinem Unmut gegen die Vereinnahmung durch den Klassik-Betrieb Luft. Er konnte sehr ausfällig werden, wenn es gegen die Konzertbesucher in Smoking und Abendkleid ging und bestand bald darauf, „for the people” zu musizieren. Jeans-Träger waren ihm willkommen – aber auch nur dann, wenn sie die Genialität Mozarts jener der zeitgenössischen Meister gleichstellen wollten. Nicht der Zwölftöner und Exponenten einer avantgardistischen, sogenannten „Neuen Musik” – die war ihm ebenso verhaßt wie jegliches Festspiel-Zeremoniell. Die wahren Abenteuer der zeitgenössischen Musik fand er im Jazz, in den Errungenschaften der „schwarzafrikanischen Musik”, wie er es nannte.

Die nahm er ernst. Gegen die altmodischen Klassik-Freunde mit Krawatte und Anzug demonstrierte er auch einmal, indem er in heiligen Konzerthallen mit seiner Begleiterin Ursula Anders einfach nackt auftrat. Damit, daß er statt Klassikern plötzlich das aufführte, was bei ihm „freie Musik” hieß, daß er auf der Blockflöte improvisierte, statt auf dem Bösendorfer Bach-Präludien zu intonieren, damit mußten seine Verehrer rechnen. Daß er Konzerttermine platzen ließ, zuletzt auch, daß er nur gewillt war, mit hopsenden Teenies aufzutreten und seine Auftritte in seltsame Shows zu verwandeln.

All das konnte nicht verhindern, daß jene, die ihn einmal auch anders, scheinbar altmodisch im Konzert erlebt hatten, sehnsüchtig darauf warteten, daß er ihnen dieses Erlebnis noch einmal bescherte. Die Gulda-Gemeinde nahm Absagen in Kauf, pilgerte, um es dem Idol recht zu machen, zu Uraufführungen diverser Concerti, von denen das Heinrich Schiff gewidmete Cellokonzert mit seiner Musikantenstadl-Ästhetik das amüsanteste war. Man nahm alles hin, um doch noch einmal Klassiker von Gulda musiziert hören zu dürfen.

Das eine oder andere Mal setzte der Pianist sich dann auch wirklich noch einmal hin, um dem „Weltmeister”, wie er, „the Master”, ihn nannte, zu huldigen: In München, in Mailand und Paris gab er 1981 noch einmal den Zyklus der Mozart-Sonaten.

4822418jpg Die von Sohn Rico produzierten, privaten "Mozart-Tapes"

Der „Pianistenmusik” von Chopin bis Rachmaninow, allem Tastentigertum war er sowieso von Anbeginn seiner sagenhaften Karriere, die ihn als Studenten der Musikhochschule Ende der vierziger Jahre sogleich in die internationalen Konzertsäle führte, abgeneigt.

Daß er ein Ausnahmetalent war, besiegelte seine zyklische Aufführung der Beethoven-Sonaten. Sie ist in einer Plattenversion gottlob erhalten wie manche anderen, grandiosen, weil grandios schlichten, einfach richtigen Darbietungen. Das wird uns von Friedrich Gulda bleiben, wenn wir nicht mehr an die Beschimpfungen denken werden, die er jenen zuteil werden ließ, die ihn auf diesen Aspekt seines Künstlertums „reduzieren” wollten.

Er war unbequem. Ob das so sein mußte oder nicht, man hat sich von niemandem so willig beschimpfen lassen wie von ihm. Denn er war der wunderbarste, der liebenswerteste Unbequeme von der Welt. Ein paar Tagen vor seinem Tod hat er noch einmal zum Telephon gegriffen und den Autor dieser Zeilen angerufen, unter anderem deshalb, weil er sagen wollte, er habe soeben die neue CD seines jüngsten Sohnes Rico gehört und sei sehr, sehr stolz auf ihn: „Da ist”, sagte er, „keine Rede von einem hoffnungsvollen Talent. Der spielt wie ein ausgewachsener Pianist!” Aus Friedrich Guldas Mund hat so ein Satz viel bedeutet.

Wenige Tage später, am 27. Jänner 2000, erlag Friedrich Gulda einem Herzversagen. Wie hatte er doch selbst – ganz und gar wienerisches Genie – einmal gemeint? Er war hier ohnehin „nur auf Visit'“  . . .


4756835jpg Der erste Beethoven-Zyklus aus den Fünfzigerjahren



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