NIKOLAUS HARNONCOURT

Die Erinnerung an seinen Widerspruchsgeist wird uns lang erhalten bleiben 

Kaum ein Interpret hat die Klassikwelt der Ära um das Jahr 2000 so stark geprägt wie er: Nikolaus Harnoncourt gelang es, denGeschmack einer ganzen Hörergeneration mitzuformen.
Es ist schon so: Wer unter Kennern in jüngster Zeit den Namen Mozart aussprach, dachte Harnoncourts interpretatorische Funde mit, wer Bach sagte, hatte im Hinterkopf, dass dieser Mann im Verein mit seinem Kollegen Gustav Leonhardt als Erster sämtliche erhaltenen Kantaten des Thomaskantors für Schallplatte einspielte. Wer über die Welle an barocken Opern staunte, die nach jahrhundertelanger Enthaltsamkeit über die internationalen Opernhäuser schwappte, wusste doch, dass diese ohne die Wiedergewinnung von Claudio Monteverdis theatralischem Feuergeist durch Nikolaus Harnoncourts Pioniertaten niemals in jener Intensität herangerollt wäre.
Dabei hatte alles quasi im Hinterstüberl begonnen. Geboren am Nikolaustag des Jahres 1929, hat der Spross einer Adelsfamilie kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Salzburg und Wien Musik studiert. Als Schüler des philharmonischen Cellisten Emanuel Brabec erhielt er 1952 eine Cellistenstelle bei den damals von Herbert von Karajan geführten Wiener Symphonikern.

Karajan war sogleich fasziniert

Doch schon hier stockt man, weiß man doch, wie gern Harnoncourt selbst die Geschichte seines Probespiels erzählt, das keines war: Karajan als Vorsitzender der Kommission soll nicht einmal den ersten Ton abgewartet haben, sondern den neuen Mann schon aufgrund der Art, wie er hereinkam und sich hinsetzte, taxiert haben: „Den nehm' ich“, soll er gemurmelt haben. Dass Harnoncourts Auftreten, seine bloße Erscheinung fesselnd wirkte, dass man sich seiner Persönlichkeit schwer entziehen konnte, war also schon Anfang der Fünfzigerjahre evident.
Parallel zu seinem Orchesterdienst bei den Symphonikern arbeitete Harnoncourt mit Gleichgesinnten wie Eduard Melkus oder seiner späteren Frau Alice, aufbauend auf den gemeinsamen Studien bei Josef Mertin, an der Herausbildung eines an der historischen Wahrheit orientierten Aufführungs-Stils. Und es war auch in diesem Kontext offenbar sogleich klar, wer hier den Ton angeben würde. Harnoncourt gründete das Ensemble Concentus musicus, mit dem er anfangs gegen heftige Widerstände, später geradezu abgöttisch verehrt, zunächst barockes Repertoire erarbeitete.
Die klanglichen Ergebnisse waren bahnbrechend und wurden bald auch auf Schallplatten dokumentiert. Prägnante Einspielungen wie die der großen Bach-Passionen oder der H-Moll-Messe erhielten im Handumdrehen alle denkbaren Schallplatten-Preise. Das mehrte den Ruhm des Concentus in aller Welt und führte zuletzt auch in Wien zu höchster Anerkennung: Der Concentus pflegte über Jahrzehnte hin einen eigenen Abonnementzyklus im großen Musikvereinssaal, den zu besuchen bald zum Statussymbol wurde, eine Art neues „Philharmonisches“, dessen Repertoire bald nicht nur auf die sogenannte Alte Musik und Barockes beschränkt bleiben sollte.
Der Dirigent Nikolaus Harnoncourt war geboren, als der Künstler den Platz als Cellist, von dem aus er den Concentus nach altem Brauch geleitet hatte, mit jenem am Dirigentenpult vertauschte. Da seine theoretischen Funde, die er auch als Buchautor wiederholt publizierte, vor jüngerem Repertoire nicht Halt machten, holten bald auch „romantische“ Symphonieorchester den Klang-Revoluzzer in die großen Konzertsäle.
Das Concertgebouw in Amsterdam machte den Anfang, die Berliner und zuletzt doch auch die Wiener Philharmoniker setzten nach – und umarmten ihn dann völlig: Zweimal vertrauten sie ihm das Neujahrskonzert an, und in ihrem intimsten Repertoire, bei Schubert und Alban Berg, erzielten sie mit ihm die höchste Harmonie. Harnoncourts Repertoire hatte sich rasch bis hin zu Brahms, Bruckner und in den letzten Jahren auch in Richtung musikalischer Moderne erweitert. Bartók, Strawinsky, Gershwin gar: Harnoncourt garantierte in allen Bereichen für frische, ungewöhnliche Hörerfahrungen.

Er hat niemanden kalt gelassen

Womit er zum wichtigen Katalysator wurde: Neues Publikum erfreute sich an der Energetik seiner Zugänge, junge Sänger und Instrumentalisten liebten die bildhaften Vergleiche, mit denen er in den Proben engagierte Leistungen aus ihnen herauszuholen wusste. Erfahrene Hörer wiederum begannen staunend ihre Sichtweisen zu hinterfragen. Kalt gelassen hat Nikolaus Harnoncourt jedenfalls niemanden.
Sein wichtigstes Verdienst war es wohl, die sogenannte Klassik wieder zum Objekt heftiger Diskussionen gemacht zu haben. Man hörte sich Mozart-Aufführungen nicht nur an, wenn er dirigierte, man sprach und diskutierte danach sozusagen notwendigerweise über die Interpretation. Folgerichtig sprach man dann meist bald über Mozart statt über Harnoncourt. Dergleichen gelingt ja, weiß Gott, nur den wenigsten Interpreten.
gelungen?  gescheitert? gleichviel!
Die Opernhäuser hatte sich der Maestro bereits in den Siebzigerjahren erobert, indem er mit Jean-Pierre Ponnelle die drei großen Monteverdi-Musiktheaterwerke, „Orfeo“, „Il ritorno d'Ulisse in patria“ und die „Krönung der Poppea“ szenisch erarbeitete. Mit dieser legendären Trias ging man dann von Zürich aus auf Tournee. Die Videodokumente dieser Großtat geben bis heute beredtes Zeugnis von Harnoncourts Raffinement: Ponnelle hatte es nämlich verstanden, dem akustischen Erlebnis eine kongeniale Optik zur Seite zu gesellen. Auch sie griff nämlich zurück auf alle zugänglichen historische Informationen – und doch war das Ergebnis neu, aktuell, heutig.
Diese einzigartige Brückenfunktion hat Nikolaus Harnoncourt stetig auszubauen gewusst. Ob riskante Begegnungen auf diesem Weg – etwa jene mit der philharmonischen Mozart-Tradition an der Wiener Staatsoper in den späten Achtzigerjahren oder ein „Zauberflöten“-Versuch mit dem Concentus musicus bei den Salzburger Festspielen – als gelungen oder gescheitert bewertet wurden, spielte keine Rolle, solange die Gleichgültigkeit, der Schlendrian alter Gewohnheiten ausgetrieben wurde.
Bei alledem verlor Harnoncourt seine Noblesse auch unkritischen Lobrednern gegenüber nie. Wer da meinte, ihn durchschaut zu haben, staunte immer wieder aufs neue: Mag manches verwirrend, ja verstörend geklungen haben; es klang mit Sicherheit bei jeder Begegnung wieder anders als das letzte Mal.
Es kann leicht sein, dass den vielen Tondokumenten, die dieser Künstler hinterlässt, jenes verwirrende Harnoncourtsche Immer-anders-Sein eingebrannt ist, dass man sogar das, was da ein für allemal festgehalten scheint, immer neu hört. Ein Widerspruchsgeist wie dieser stirbt vermutlich nicht.

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