Hilde Zadek

Wie die Doyenne des einstigen Wiener Opern-Ensembles von der Kinderkrankenschwester in Palästina zur Wiener „Aida“ wurde

„Können Sie nächste Woche die Aida singen?“ Die schicksalhafte Frage stellte Wiens Opernchef Franz Salmhofer einer eben aus der Schweiz angereisten Sopranistin. „Natürlich singe ich die Aida“, entgegnete die selbstbewusste junge Dame, um viel später zu beichten: „Ich hatte die Rolle nicht einmal studiert, aber ich dachte mir: Diese Aida singe ich, tot oder lebendig.“ Der wagemutige Einstand gelang: Hilde Zadek war danach ein Vierteljahrhundert lang Mitglied des Wiener Staatsopernensembles, war dabei, als sich jener Mozart-Stil formte, der bis heute den Ruf wienerischer Opern-Kunst begründet.

Diese Karriere war ihr nicht an der Wiege gesungen worden. In Posen ist sie zur Welt gekommen. „In derselben Stadt wie Elisabeth Schwarzkopf“, sagt sie, die Tatsache amüsiert die Zadek immer noch. Daheim ging es recht streng zu, doch prägend in einer Form, für die sie bis heute dankbar ist: „Vom Vater hab ich die Disziplin gelernt“, sagt sie. „Sie musste mir zur zweiten Natur werden. Heute bin ich froh darüber.“ Disziplin ist eine ihrer großen Stärken geblieben: „Ich hab längst meine Weihnachtspost fertig“, lautet der bestätigende Kommentar.

Dass der Vater einst gegen jede künstlerische Betätigung war, ehe das Kind einen ordentlichen Beruf erlernt hätte, das bescherte Hilde Zadek eine Jugend im väterlichen Schuhgeschäft – und eine Ausbildung als Kinderkrankenschwester. Das war nach der Emigration nach Palästina lebensrettend: Bis 1940 arbeitete sie in Jerusalem als Säuglingsschwester. Erst in der Schweiz kam es zu Begegnungen, die das Schicksal der Künstlerin besiegeln sollten: „Mein Leben ist eine Verkettung von unglaublichen Zufällen“, sagt Zadek selbst. Der unglaublichste Zufall: Die Dame, die sie nach ihrer Ankunft in Zürich als Kindermädchen aufnahm, war Patenkind Franz Salmhofers. Als er die Schweiz besuchte, sang ihm die junge Sopranistin vor – die Folge war das „Aida“-Engagement (unter der Leitung des „Vaters“ des Wiener Mozart-Ensembles, Josef Krips) und danach an die 800 Vorstellungen an der Wiener Staatsoper – mit der Marschallin in Strauss' „Rosenkavalier“ als deklarierter Lieblingspartie; die sie übrigens in Düsseldorf mit einem Korrepetitor erarbeitete, der dann am Dirigentenpult Weltkarriere machen sollte: Carlos Kleiber. „Der war schon damals absolut genial“, erinnert sich die Sängerin.

Hilde Zadek war nach ihrem Ausscheiden aus dem Opernensemble eine gesuchte Gesangspädagogin. „Persönlichkeit und Technik“, sagt sie, wie aus der Pistole geschossen, wenn man sie nach den Grundlagen für eine solide Karriere befragt.Und eines ihrer wichtigsten Prinzipien: „Ich habe das Wort müssen nie gekannt. Es ist eine Freude, als Künstler anderen Menschen etwas geben zu dürfen.“



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