MARISS JANSONS

Anmerkungen zum Debüt in den Philharmonischen Konzerten, 1997 


Das Programm war für wienerische Verhältnisse nicht „philharmonisch”. Weder Debussys symphonische Skizzen „La Mer” noch Dmitri Schostakowitschs Fünfte Symphonie gehören zum gewohnten „Repertoirekanon” des Orchesters. Typisch war es eher für den Debütanten am Dirigentenpult, Mariss Jansons, der solche Ballungen virtuoser Orchesterliteratur liebt und auch mit seinem Osloer Orchester schon Kombinationen von Schostakowitsch-Symphonien und Strawinsky-Balletten präsentiert hat.

Daß der Applaus bei solchen „Reißern” garantiert scheint, soll nicht über die tatsächlichen Qualitäten des jüngsten Philharmonischen hinwegtäuschen. Es stimmt, daß mit derartigen Werken jederzeit lauter Jubel zu ernten ist. Aber wie das Orchester unter Jansons' Führung agierte, gehört schon zu den bemerkenswerten Punkten der jüngeren philharmonischen Geschichte.

Debussys illustrativer Klangzauber wurde nicht nur auf seine sinnliche Wirkung hin, sondern auch im Hinblick auf die strukturelle Schichtung der Partitur ausgelotet: Subtil ausbalancierte Übergänge, klar gezeichnete Linien – und eine oft gerade handgreifliche Umsetzung der tönenden Bilder von Meeresbrandung oder sanft schäumender Woge.

Schostakowitsch dann, perfekt inszeniert in der immensen, von simplen „Bausteinen” getragenen, dafür umso überschaubareren Architektur. Daß Gustav Mahler bei der ausdruckswütigen Tonsprache Pate steht, ist zu hören. Aber bei Jansons spielen die Philharmoniker etwa im Scherzo brutaler, direkter, zupackender – „russischer”, wenn man so will –, als sie das je bei Mahler tun würden.

Die Strahlkraft und Unerbittlichkeit der Höhepunkte im ersten und letzten Satz, die kraftvolle, aber gerade noch nicht „schneidende” Dur-Apotheose des Schlusses demonstrierten die hohe Virtuosität der Musiker und Jansons' Organisationstalent. Daß dabei auch Hintergründigkeit, doppelte Böden fühlbar wurden, spricht für die Kompetenz des Interpreten und die Willigkeit der Musiker, den Suggestionen von dessen taktstocklosen Gesten zu folgen.

Der Schlußjubel wurde zunächst von Jansons auf Solisten des Orchesters, dann aber von den Musikern auf den Dirigenten „umgeleitet”




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