OLEG MAISENBERG

Einer von vielen Versuchen über die magischen Klavierkünste (1997) 

Mit Beethoven, erklärtermaßen nicht sein Lieblingskomponist, eröffnete Oleg Maisenberg seinen Soloabend im Großen Konzerthaussaal: Statt der angekündigten Sonate op. 110 erklang das „Andante favori”, einst liebstes Objekt romantischer Pianisten zur Darstellung subtiler Schattierungskünste jenseits des Impressionismus. Maisenberg läßt diese Tradition wieder aufleben, taucht das simple Stücklein geradezu in einen Farbrausch, findet für jede kleine Melodie neue Valeurs. Der Klavierklang schillert und leuchtet in sanften Pastelltönen.

Das ist das Gegenteil von dem, was die Schulweisheit sich heutzutage von Klassiker-Interpretation träumen läßt. Die folgende Sonate op. 111 machte deutlich, warum das dennoch Geltung hat: Maisenberg nimmt Beethovens Erkundungstour in die Extremregionen des Klaviers und des Klavierspiels ernst, sprengt, wo der Komponist die satztechnischen Konventionen hinter sich läßt, die Hörgewohnheiten, setzt Thesen und Antithesen so schroff und unvermittelt nebeneinander, wie die Noten das suggerieren, bindet nicht, was auch unverbunden nebeneinander stehen kann. Es ist geniales Spiel, was der Gigant Beethoven da treibt, ganz im Sinne Einsteins, der da meinte, die Relativitätstheorie sei ein Kinderspiel im Vergleich zu einem Kinderspiel . . .

So verliert sich der Hörer in den phantastischen Variationen über die simple „Arietta” des Finalsatzes mit dem Pianisten plötzlich in schwirrenden, klingelnden Traumwelten, dann gleich wieder im Furor scheinbar wildgewordener, sich selbständig machender Zweiunddreißigstel-Kaskaden, und weiß nicht recht, wie ihm geschieht. Hatten da, rückwirkend betrachtet, nicht auch die klanglichen Ausschweifungen des schlichten „Andante favori” ihre Berechtigung? Beethoven, der große Rätselmann.

Mit Chopin betrat Maisenberg nach der Pause jenes Terrain, in dem er sich so sicher und selbstverständlich bewegt, als bedürfte es für ihn nicht der geringsten intellektuellen Mühewaltung, als ergäben sich alle subtilen Übergänge, akribisch gegeneinander abgewogenen Schattierungen von selber: eine solche „Berceuse”, eine solche „Barcarolle” vor allem, spielt nicht bald ein Pianist: jede kleinste Tongirlande ist erfüllt von ihrer Notwendigkeit für das große, unglaublich schöne Ganze, das sich selbstgewiß verströmt, ob im großen Formenspiel oder in der Miniatur der Mazurken op. 67, die jede für sich zu kleinen Dramen wurden.

Großes Drama dann bei Liszt: die Trauermarsch-Emanationen der „Funérailles” und die wilde, in jeder Hinsicht entfesselte wilde Jagd „Mazeppas” – da siegt die Wahrhaftigkeit des Ausdrucksstrebens über die Schwerkraft. Ganz abgesehen von den sonstigen technischen Zaubereien, die Maisenberg aus dem Steinway hext: So schnell kann man doch Oktaven eigentlich nicht spielen?

 


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