ANNA NETREBKO

Variationen über die Primadonna assoluta unserer Zeit

Aus Rezensionen:

Anna Netrebko als . . .

Tatjana in Tschaikowskys "Eugen Onegin"
Anna Bolena I (2011)
Anna Bolena II
Mimi in "La Boheme" bei den Salzburger Festspielen
Tschaikowskys Iolanthe, konzertant mit Piotr Beczala
Massenets "Manon"

Leonore in "Il trovatore", Salzburg I (2014):
Ja, natürlich, Anna Netrebko ist eine grandiose Leonore. Etwas verhalten zwar noch in ihrer Auftrittsarie, die sie samt Cabaletta für ihre Verhältnisse geradezu vorsichtig gestaltet; so nämlich, als wollte sie demonstrieren: Ich kann auch ganz präzise realisieren, was in Verdis Partitur steht, auch die vorgeschriebenen Koloraturen und Verzierungen fein säuberlich ziselieren.

Angesichts der Herausforderungen, die diese Partie diesbezüglich bereithält, bleibt nicht viel Zeit, um auch noch der eigentlichen Force dieser Künstlerin zu frönen: zum Klingen zu bringen, was zwischen den Zeilen steht. Ab der Klosterszene freilich beherrscht die Netrebko die Bühne, wie gewohnt mit allen Zwischentönen: Noch jeder kleinste Seufzer ist mit Energie, mit Ausdruck aufgeladen. Und er wird unmittelbar in szenische Aktion umgesetzt, sei es ein kaum merklicher Augenaufschlag oder die große Geste.

Diese Gestalterin geht aufs Ganze. Sie scheint sogar auf Impulse zu reagieren, die gar nicht ausgesendet werden, – zum Beispiel spielt sie, als ob Placido Domingo den Grafen Luna mit jener bühnenbeherrschenden Grandezza gestaltete, die man aus seinen Tenorzeiten gewohnt ist. Er tut es nicht. Anders als bei „Simon Boccanegra“, den sich der Sänger zurechtzuschneidern wußte, verlangt Verdi vom Grafen Luna einen heiklen Balanceakt zwischen belcantesker Linienführung und darüber weit hinausführender vokaler Attacke. Beides steht Domingo nicht mehr wirklich zu Gebote. Wo Agilität verlangt ist, hinkt er häufig hinter dem Orchester her. Wo die Tiefe satt strömen sollte, fehlt es an Substanz. Ein echter Bariton wird aus einem ehemaligen Tenor naturgemäß nie . . .


Leonore in "Il trovaore" II (2015):

Zum Glück hat man die Doktrin des Ex-Intendanten Alexander Pereira, Festspiel-Inszenierungen dürften nur eine Saison auf dem Programm stehen, über Bord geworfen. So durfte Anna Netrebko noch einmal die „Troubadour“-Leonore singen. Die Wiederbegegnung lohnte sich – in vielerlei Hinsicht.

Da ist einmal die bewundernswerte Professionalität dieser Sängerin, die es sich leichter machen könnte. Das Publikum jubelt ja auf jeden Fall, sobald sie auf der Bühne erscheint. Und doch: Wer ihre künstlerische Entwicklung verfolgt, zieht den Hut vor ihrer Konsequenz und Arbeitsmoral.

Vorbei die Zeiten, da sie sich mit Charme und Nonchalance durch diverse Koloraturfährnisse manövrierte. So genau hat sie's – denken wir an die legendäre, mittlerweile schon ein Jahrzehnt zurückliegende Festspiel-„Traviata“ – mit den Perlen auf Verdis Melodieschnüren nicht immer genommen.

Heute ist das anders. Auch die Leonore kommt nicht ohne Ziergirlanden aus. Doch sitzen die Töne mittlerweile auch in scheinbar nur dekorativen Anhängseln arioser Entfaltung mehrheitlich punktgenau. Vor allem aber sind sie – wie die lyrischen Kantilenen – mit äußerstem Espressivo aufgeladen. Nichts erklingt in dieser Musik zufällig, nichts zwecks Demonstration purer Vokalartistik. Jede Nuance steht im Dienst der theatralen Aussage.

Das ist's, was man von Anna Netrebko immer erwartet: die vollständige Identifikation mit der Bühnenfigur, der sie mit jeder Gebärde, vor allem aber vokal blutvolles Leben einhaucht. Diese Leonore liebt, leidet und stirbt leidenschaftlich. Man hört die Euphorie, die Verzweiflung, den Todesmut dieser Frau, die auch noch die Flüche ihres Geliebten mit Größe zu tragen weiß . . .






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