Philippe Jordans jugendliches Versprechen

Fast auf den Tag genau 10 Jahre vor seiner Designierung zum künftigen Wiener Staatsopern-Musikdirektor dirigierte Philippe Jordan — damals gerade 33 — Beethovens Neunte zum Jahreswechsel im Konzerthaus. Und man konnte hören: Das Potenzial dieses Dirigenten ist enorm. Die Rezension vom 1. Jänner 2008:

Beethovens Neunte gehört zu jenen Werken, mit denen Hörer und Interpreten nie fertig werden. Wie im Falle der nahezu gleichzeitig entstandenen „Missa solemnis“ stehen wir einem Werk gegenüber, das selbst hochmögende Kommentatoren musikalisch-geistiger Zusammenhänge irritieren kann. So entsteht bei Lektüre Adornos der Eindruck, die „Missa“ sei einfach schlecht komponiert. Auch über die Neunte ist oft gesagt worden, die Einbindung der Singstimmen in ein riesenhaftes Finale auf einen idealistischen Schiller-Text sei schlicht misslungen.

Doch wie im Fall der „Missa“ bedeutet Beethovens offenbare Zumutung immer nur neue Herausforderung. So setzten die Wiener Symphoniker pünktlich zum Jahreswechsel mit ihrer traditionellen Neunten im Konzerthaus gerade in einer Zeit der häppchenweise vorformulierten und willig angenommenen Instant-Erklärungen, die für alles und jedes angeboten werden, einen willkommenen Kontrapunkt.

Es zeigt sich, dass an den Aufgaben über die Jahre hin etliche Dirigenten scheitern, einige wenige mit erratischen Deutungen die Größe des Kunstwerks immerhin spüren lassen, ganz im Sinn der hier komponierten Frage „Ahnest du den Schöpfer, Welt?“.

Und hin und wieder geschieht es auch, dass ein junger, ungemein talentierter Maestro die Chance bekommt, zu zeigen, dass da auch ein Zwischenbereich existiert, in dem sich ein souveräner Umgang mit den Urgewalten, die hier beschworen werden, noch nicht eingestellt hat, doch Takt für Takt spürbar wird, wo der Unterschied zwischen einem durchschnittlichen Dirigenten und einem bemerkenswerten Gestalter liegt.

Philippe Jordan ist jedenfalls der letzteren Kategorie zuzuordnen. Bei ihm musizieren die Symphoniker sogleich auf allerhöchstem Niveau, aufmerksam, klangsensibel, reaktionsschnell und mit spürbarer Hingabe.

Das sichert dem schwierigen Stirnsatz die nötige Transparenz und jene dynamische Reichhaltigkeit. Oft kommen die Musiker hier aus dem Tosen und Stürmen nicht heraus. Nicht so bei Jordan, der sein dramatisches Gespür zu zügeln weiß, disponiert, ohne den Impetus der Musik zu bremsen.

Auch das Scherzo läuft dem 33-jährigen Maestro nicht davon, wie manch berühmtem Kollegen. Hier leistet sich Jordan sogar gestalterische Ausritte mutigen Charakters, Temporückungen, vor allem aber die Parforcetour eines wirklichen „Prestos“ im Trio, ohne dass das Spiel der Symphoniker dabei an Geschmeidigkeit verlöre. Dass diese Musik etwas mit einem Tanz auf dem Vulkan zu tun haben könnte, dass hier ein grimmiges Satyrspiel auf die im ersten Satz gemeinten, tatsächlich weltbewegenden Probleme abgehalten wird, das wird in Jordans Deutung freilich noch nicht spürbar. Schon der Eingang der Symphonie hat bei ihm nichts Dämonisches. Noch bewegen wir uns da in Gefilden, die mit der Kunst als Spiel zu schaffen haben, die nicht ahnen lassen, warum in dieser Symphonie alle Formen gesprengt werden müssen, damit die Botschaft in ihrer wahren Größe erkennbar werde.

Das Adagio leidet unter diesem Mangel am allermeisten. Hier musiziert das Orchester nicht in großen, sehnsuchtsvollen Atemzügen, sondern reiht, sanft fließend, melodische Bögen und deren Variationen aneinander. Das Finale freilich lässt den Opernkapellmeister brillieren: Organisatorische Probleme kennt Philippe Jordan nicht. Die höchsten Höhen der Soprane der Singakademie kann er zwar nicht behübschen, doch treibt er Soli, Chor, Orchester zu einer Verve, die Schillers „Freudenhymnus“ jedenfalls für sich als grandioses Klangtheater zum Ereignis werden lassen. Die von Emily Magees Sopran sicher geführten Solostimmen, die Janina Baechle sonor zum harmonischen Quartett rundet, erreichen mit den Soli von Johan Botha – der wahrlich und von Chor- wie Orchestermassen unbehelligt „wie ein Held zum Siege“ stürmt – und Falk Struckmann – der wohl eindrucksvollste Eingangs-Appell, der sich denken lässt! – höchste vokale Gestaltungshöhen.

Jubel also zuletzt für ein Konzert, das vor allem ein Versprechen dafür war, dass Begegnungen mit diesem Dirigenten immer spannender verlaufen werden.



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