LEONIE RYSANEK

Die "Kaiserin"

Die „Kaiserin”, das ist vermutlich das erste, was ein Wiener Musikfreund assoziiert, wenn der Name Leonie Rysanek fällt. Die „Frau ohne Schatten” von Richard Strauss war denn auch jene Rolle, in der die Qualitäten dieser Künstlerin sich am reinsten und innigsten offenbart haben. Eine Phrase wie „Dir Barak bin ich mich schuldig” konnte nur die Rysanek in jener Mischung aus Größe und Hingabe bewältigen, die den rechten Sinn der Worte und der Musik erst erschließen hilft.

Sie war eine Hochdramatische. Aber sie war auch die Frau mit der Samtstimme, die so weich und anschmiegsam tönen konnte. Eben das, die Möglichkeit zu expressiver Entfaltung ohne Aufgabe des menschlichen, verletzlichen Tons, machte das Singen der Leonie Rysanek zum Ereignis.

Diese Mischung ist es, die im konkreten Fall die Intentionen von Richard Strauss so unauflösbar macht für das Gros der Sänger, die sich an seinen großen Partien versuchen, und die eine Rollengestaltung der Rysanek zum Ereignis werden ließ. Da muß ein enormer Orchesterapparat übertönt werden, da muß sich der Sopran leuchtkräftig bis in höchste Höhen entfalten und einem blechgepanzerten Instrumentarium Paroli bieten. Gleichzeitig darf die Stimme aber nicht ihren anrührenden, gefühlvollen Ton verlieren, muß im Charakter Ausdruck eines liebenden Menschen bleiben.

Die Rysanek konnte das. Und im Falle der Kaiserin hat sie sich für all diese Qualitäten ein beeindruckendes Denkmal gesetzt, das via CD lange überdauern wird und denen, die diese Künstlerin nie im Opernhaus singen hören durften, zumindest eine Ahnung von echter vokaler Größe geben kann.

4453252jpg Livemitschnitt, Wien 1977

Dieser idealtypischen Rysanek-Partie zur Seite gesellen sich in der Erinnerung auch musikdramatische Gestaltungen, die weitab von solchen Rollenbildern liegen. Die Sieglinde in Wagners „Walküre”, mit der sie dank Einladungen von Wieland Wagner und Herbert von Karajan zur weltweit führenden Vertreterin ihres Faches wurde, gehört hierher; mit dem legendären „Rysanek-Schrei”, wenn am Ende des ersten Aktes Siegmund das göttliche Schwert aus dem Stamm der Esche zieht. Oder, aus den letzten Jahren ihrer Wiener Karriere, die Küsterin in Janaceks „Jenufa”, wo zu beweisen war, daß „richtiges Singen” nichts mit Schöngesang zu tun haben muß. 

Der Feueratem des geborenen Theatermenschen hat die Rysanek immer umweht und umlodert, gleich, in welche Lichtgestalt oder welches Ungeheuer sie sich gerade zu verwandeln hatte. Die skeptischen Besucher der New Yorker Met hatten dies Ende der fünfziger Jahre sofort begriffen, als die Unbekannte aus Wien über Nacht für die unvergleichliche Callas einsprang und eine ebenso unvergleichliche, aber eben ganz andere Lady Macbeth aus Verdis Noten modellierte.

Das, ihre Bayreuther Sieglinde, ihre Wiener Kaiserin, harte Anforderungen, die Verdi, Wagner und Strauss parat haben, standen am Beginn einer Karriere, die auch von einer Tugend geprägt war: Die Rysanek konnte Maß halten, sie wußte, wo ihre Grenzen waren und ließ sich nie auf ein Terrain entführen, das Raubbau an den Möglichkeiten ihre Stimme getrieben hätte. So war sie uns lang in voller Blüte erhalten geblieben.

Zuletzt hat sie ihren Verehrern mit vielen Absagen Rätsel aufgegeben. Die Krankheit war offenkundig ernster, als man vor der Öffentlichkeit eingestehen wollte. Dennoch hat Leonie Rysanek die Berufung angenommen und ließ sich zur Präsidentin der Wiener Festwochen küren. Wohl auch, um in ihrer Heimatstadt ein Zeichen zu setzen für die geplante „Entpolitisierung” des Kulturbetriebs.

Sie hat ein Leben lang der Oper gedient und gewiß nicht verstanden, welche Kriterien für Wiens Kulturpolitiker über die Jahre hin zu bedeutenden Entscheidungen geführt haben. Den Blick wieder auf die Kunst zu lenken, wäre ihr Ziel gewesen, wie sie stets unsere Ohren zu öffnen verstand für die Kraft der Musik. Die „Schwelle des Todes”, die sie so markerschütternd, mit so unvergeßlichen Tönen besungen hat, mußte sie am 7. März 1998 überschreiten. Leonie Rysanek starb 71jährig in ihrer Vaterstadt Wien.

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unverzichtbares Dokument: "Die Walküre" aus Bayreuth unter Karl Böhm mit James King als Siegmund


 


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