NINA STEMMES ERSTE ELEKTRA

Ein triumphales Debüt an der Wiener Staatsoper 


Da muss man dem Staatsopern-Direktor recht geben: 2300 Menschen waren tatsächlich live dabei, viel mehr Opernfreunde werden in 20 Jahren behaupten, dabei gewesen zu sein, witzelte Dominique Meyer bei der Premierenfeier: Nina Stemme, die Nummer eins unter den Hochdramatischen, sang ihre erste "Elektra". Dass das ein Ereignis sein würde, war vorherzusehen. Wie gut diese Künstlerin schon zum Einstand diese vielleicht anspruchsvollste aller Sopranpartien bewältigen würde, hat wohl niemand gedacht. Die Kraftreserven der Stemme sind, man weiß es von unzähligen Brünnhilden, endlos. Dass ihre Stimme auch bei den fulminantesten Ausbrüchen der Elektra ihre Strahlkraft nicht einbüßen würde, überraschte die Musikfreunde also vielleicht weniger als dass es ihr gelang, die vielen zarten Töne, die Richard Strauss verlangt, zu anschmiegsam weich modellierten Phrasen zu binden.
Das macht der Stemme allerdings niemand nach. Das hat ihr auch kaum jemand vorgemacht. In der jüngeren Vergangenheit hat bestimmt keine Sopranistin diese Rolle dermaßen differenziert und wohlklingend zu singen vermocht. Ein paar Ausdrucks-Details, vor allem manch zynischer Unterton in den Dialogen mit der Schwester und der verhassten Mutter werden sich noch einstellen. Was am Premierenabend zu hören war, hebt die Stemme jedenfalls schon in den Olymp der Elektra-Darstellerinnen.
Grandioses Damen-Trio
Da kam die zuletzt von manchen arg gezauste Regie durchaus zu Hilfe, denn Uwe Eric Laufenberg hat vor allem die Beziehung zwischen Elektra und Klytämnestra fein schattiert. Anna Larsson, eine Debütantin auch sie, gab der Mutterfigur faszinierend hoheitsvolle Züge, zeichnet eine Frau, deren Nerven zwar zerrüttet sind, die aber die Haltung nie verliert. Berührend, wie sie sich der ungeliebten, aber bewunderten Tochter zu nähern versucht, ja sogar den Körperkontakt sucht - bevor die Frage nach dem Bruder sie wieder zurückschrecken lässt.
Hier verdichtete sich die Aufführung am Premierenabend auch musikalisch enorm: Mikko Franck gab dem Staatsopern-Orchester viel Zeit, alle Details der überreich illustrativen Partitur auszukosten, verlor aber den Spannungsbogen nicht aus den Augen. Viele Apercus, die "stammelnden" Fagott-Töne, wenn vom angeblich geistesschwachen Orest die Rede ist, die ungemein fragilen Pianissimi von Klarinette, Horn und Trompete während der "Erkennungsszene" hört man selten so liebevoll modelliert. Doch entfalten sich auch die gewaltigen Steigerungen, die jeder Straussianer sich von einer "Elektra"-Aufführung erhofft, mit ganzer Gewalt.
Selbst die Fortissimi in der ekstastischen Schluss-Szene vermochten übrigens auch die Stimmen nicht zu schlucken. Die Stemme und ihre lebenshungrige Schwester Chrysothemis, Ricarda Merbeth, überstrahlten jede orchestrale Entladung scheinbar mühelos. wobei die Leistung der im letzten Moment eingesprungenen Ricarda Merbeth besonderen Applaus verdient: So leuchtkräftig wird nicht bald eine Kollegin dieser neuen Elektra Paroli bieten können.
Alle drei Frauenstimmen an diesem Abend markieren jedenfalls Spitzenplätze in der Opern-Weltrangliste. Der Orest von Falk Struckmann steht dort schon lang an vorderster Front, Norbert Ernst als scharf charakterisierender Ägisth gehört an den nämlichen Platz unter den Tenören. Im übrigen Ensemble findet sich kein Schwachpunkt. Was die Wiener Staatsoper - nicht nur aber nicht zuletzt - bei Richard Strauss heute zu leisten imstande ist, sichert dem Haus eine singuläre Stellung.
Was die Inszenierung betrifft, wird man sich an den Kohlenkeller samt Paternoster gewöhnen, den Rolf Glittenberg an Stelle des mykenischen Palastes auf dei Bühne gewuchtet hat. Von ein paar entbehrlichen Momenten (vor allem den nackten Mädchen, die von den Dienerinnen zu Beginn "geduscht" werden, und dem etwas abgehobenen - jedoch angeischts von Elektras Ruf "alle müssen herbei" nicht ganz sinnlosen - Schlussballett) abgesehen, stört keine Regie-Idee die Handlung. Solange dermaßen meisterlich gesungen wird wie bei dieser Premiere, findet "Elektra" wirklich statt, wie sie - dank der orchestralen Strauss-Kompetenz - wohl nur in Wien stattfinden kann.

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