SWJATOSLAW RICHTER

Der mythenumwobene Meisterpianist

Schon sein Erscheinen auf dem Parkett des industrialisierten Musikbetriebs umflorten Gerüchte, von Kollegen wie Gilels genährt. Dann  das Konzert in Sofia, Ende der fünfziger Jahre, fast eineinhalb Jahrzehnte nach den ersten Wettbewerbssiegen. Da war er schon eine Pianistenlegende und ließ Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung” in einer Farbenpracht und Wucht erstehen, daß den Kommentatoren die Worte fehlten. 1960 die erste USA-Reise. Und von da an stand fest: Swjatoslaw Richter war der Pianist der Pianisten. Ein Meister wie Prokofieff hatte das für sich längst konstatiert, Richter seine letzte Sonate gewidmet und zur Uraufführung überlassen.

Der aber war so genialisch begabt wie wählerisch, musizierte längst nicht alles, was ihm von Prokofieff unter die Finger kam und dachte auch nicht daran, sich vom westlichen Musikbusineß vereinnahmen zu lassen. Zwar hörten nobel gewandete Musikfreunde bei den Salzburger Festspielen oder in der Carnegie Hall Richter-Recitals mit erstaunlichsten Programmen, zwar kam es zur Zusammenkunft mit Karajan, die die wahrscheinlich meistverkaufte Aufnahme von Tschaikowskys b-Moll- Klavierkonzert zur Folge hatte.

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Dann aber kam die Verweigerung. Der Meister spielte lieber in Sibirien. Er verließ sich nicht mehr auf sein grandioses Gedächtnis, sondern spielte nach Noten. Richter, dem Veranstalter Unsummen bezahlt hätten, wäre er in ihren großen Sälen in Erscheinung getreten, gastierte plötzlich auch in Wien und anderen Musikmetropolen nur noch in kleinsten Räumlichkeiten, oft ohne Ankündigung. Eingeweihte erlebten ihn nach telephonischer Verständigung als analytisch sezierenden Bach-Interpreten oder wuchtig-ausdrucksstarken Anwalt der Musik von Hindemith oder Szymanowski. Manchmal sogar in ärgerlich dekonzentrierter Verfassung. Dann aber doch wieder als den Mann, der mit stählerner Hand noch zarteste Farben mit einem Nachdruck aus den Tasten zauberte, daß kein Ton nebensächlich klang. Über seinen Nachlaß an CDs werden noch Generationen diskutieren und höchst unterschiedlicher Ansicht sein, ist doch Richters Kunst aus allen Phasen seiner Biographie so gut dokumentiert wie die keines anderen Pianisten des XX. Jahrhunderts. Notgedrungen finden sich unter den vielen Livemitschnitten auch weniger gelungene Interpretationen, notgedrungen gelang in den vielen Studio-Sitzungen nicht alles nach Wunsch. Auch dann nicht, wenn berühmte Partner zur Stelle waren. Richters Tagebuchaufzeichnungen geben davon - und auch von der eerbarmungslosen Selbstkritik des Künstlers - beredtes Zeugnis.

Gehört haben muss, wer sich über diesen Pianisten Klarheit verschaffen möchte, wie er an der Seite von Mstislav Rostropowitsch die Beethoven-Cellosonaten musiziert

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gehört haben muss man auch, wie er Skrjabins Fünfte Sonate oder die Préludes von Rachmaninow spielt - die Anschlagkultur reicht vom stahlharten Zugriff zum subtilsten Farbtupfer - etwa auch in Werken von Claude Debussy.



EIN STAR IN FAVORITEN

Erinnerungen an Zeiten, als Swjatoslaw Richter nur vor augewählten Musikfreunden spielte

Es war stets geheimnisvoll: „Richter spielt“, hieß es. Die Nachricht wurde unter den Eingeihten telefonisch verbreitet – und dann spielte der große Swjatoslaw Richter, der sich jahrelang allen Auftritten in großen Konzertsälen verweigerte, tatsächlich. In privaten Salons vielleicht, vor ein paar Musikfreunden, die das Glück hatten, informiert worden zu sein. Im Frühjahr 1989 wurde die Sache ein Wien ein wenig offizieller. Yamaha lud über Nacht zum Konzert in den firmeneigenen Konzertsaal im zehnten Bezirk. Und da spielte der Meister ein spannendes Programm aus Musik der frühen Moderne – von seinem Mentor Sergej Prokofieff bis Paul Hindemith.

Ein japanischer Techniker saß damals in der Nähe des Podiums. Er bediente einen DAT-Recorder, der für österreichische Nutzer damals noch ein Exotikum darstellte. Die Aufnahme hat Decca später als Vol. XI einer Richter-Hommage herausgebracht.

Und man hört, warum dieser Auftritt in dem kleinen Saal als Ereignis gefeiert wurde. Die Subtilität und Klugheit der formalen Gestaltung, die Richter hören ließ, dechiffrierte kaum je gespielte Stücke als Meisterwerke, ob Hindemiths freche, doch erstaunlich ausdrucksstarke „Suite 1922“ oder Szymanowskis enigmatisch leuchtende „Metopen“, Bartóks „Burlesken“ oder Weberns auch klanglich feinsinniges Konstrukt der Variationen op. 27, Richter spielte die Werke mit einer Hingabe, die seine Kollegen in der Regel nur Chopin oder Schumann zukommen lassen. Vor allem aber ließ er dank seines Klangsinns und seines Gespürs für die dramatischen, expressiven Qualitäten der Kompositionen sämtliche hauptamtliche Moderne-Spieler weit hinter sich und bewies, dass nur ein Interpret, der nachweislich von Beethoven bis Rachmaninow klassische Formen und romantische Empfindungen adäquat umzusetzen weiß, auch ein glaubwürdiger Fürsprecher für die Neue Musik sein kann.

Ganz abgesehen von der Tatsache, dass die Aufführung der eingangs gespielten Zweiten Klaviersonate Sergej Prokofieffs damals auf Staunen erregende Weise nachvollziehen ließ, dass es dem damals schon betagten Klavier-Meister auch für das Final-Vivace noch kein bisschen an Virtuosität gebrach. Nur, dass diese nicht mehr mit jener hexenmeisterisch-demonstrativen Lust demonstriert wurde wie in den dreißig Jahre älteren Dokumenten aus der Zeit von Richters ersten Ausreise-Gelegenheiten aus der Sowjet-Diktatur.

Erstaunlich die Blauäugigkeit des Beiheft-Autors, der die späte West-Karriere Richters allen Ernstes nicht den kommunistischen Repressalien, sondern des Pianisten „Reiseunlust“ zuschreibt. Dass Richter ab den siebziger Jahren die großen Konzertsäle der Welt mied und erst knapp vor seinem Tod – dann auch wieder im Wiener Konzerthaus – vor großem Publikum spielte, hatte einbekannter Maßen mehr mit des Künstlers Unlust zu tun, den Großteil seiner Gage (man hätte ihm beträchtliche Summen bezahlt, wenn er nur in Erscheinung getreten wäre!) den Moskauer staatlichen Eintreibern weiterzuleiten. Erst die Perestroika ermöglichte die Kurskorrektur. Der eben erschienen Mitschnitt liegt im Scheitelpunkt dieser Entwicklung – lässt noch einmal den Charme des intimen Auftritts eines Weltstars ahnen.

(Februar 2008)

Die Ende 2020 erschienene Universal-Box mit sämtlichen Decca-, DG- und Philips-Aufnahmen Richters enthält auch den Mitschnitt dieses legendären Konzerts.


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