Thielemanns Debüt in Bayreuth

Eine "Meistersinger"-Aufführung, die wahrsten Sinne des Wortes Epoche machte

"Kann sein, diese Meistersinger stehen am Anfang eines neuen musikalischen Kapitels für Bayreuth", schrieb ich damals, am 3. August 2000, über das Debüt Christian Thielemanns auf dem Grünen Hügel. Die Prophetie hat sich erfüllt . . .


Jetzt endlich galt's der Kunst

Bayreuther Korrektur. Das eigentliche Ereignis der Wagner-Festspiele 2000 fand am Tag nach dem Ende des neuen „Rings” statt: Dirigent Christian Thielemann feierte mit den „Meistersingern” sein triumphales Debüt auf dem Grünen Hügel.

Die Bayreuther „Meistersinger”-Inszenierung Wolfgang Wagners ist schon einige Jahre alt und galt vielen von vornherein als verstaubt. Dennoch markierte die Wiederaufnahme am Dienstag den einsamen Höhepunkt der diesjährigen Festspiele. Und mit Christian Thielemann wurde erstmals heuer ein Dirigent im Festspielhaus einhellig bejubelt.

Das hatte seine Berechtigung. Denn wer anläßlich des neuen „Rings des Nibelungen” schon an seinem Erinnerungsvermögen gezweifelt hatte und der tückischen Akustik des Festspielhauses mit seinem verdeckten Orchestergraben die Schuld an mancher bisherigen musikalischen Misere zuschreiben mochte, sah sich korrigiert: Man kann hier doch den Orchesterklang prächtig modellieren und in allen Farben erstrahlen lassen. Thielemanns „Meistersinger” verrieten vom ersten Ton an den Zugriff des großen Kapellmeisters und steigerten sich zuletzt zu monumentaler Größe.

Und das nicht, weil Thielemann auf dicke, massige Klänge setzte. Im Gegenteil: Er zaubert die poetischsten Stimmungen aus dem Orchester, legt behutsam die Wagnersche Klangpsychologie bloß, nimmt sich Zeit, zauberische Momente der Einkehr und Beschaulichkeit auszukosten; und entwickelt auf diese Weise Wagners innere Dramaturgie auf bezwingende Weise.

Alles, was hier tönt, ist Klangrede, alles verweist uns auf das Schicksal der handelnden Personen. Thielemann fügt Bild an Bild, läßt aber nirgendwo die einzelnen Zeichen isoliert stehen, sondern bindet sie zum großen, faszinierenden Bilderbogen. Einen so einheitlichen, bei aller bunten Vielgestaltigkeit stringent entwickelten dritten Akt – „eine der längsten zusammenhängenden Strukturen der Musikgeschichte” – hat man vielleicht seit Karajan nicht mehr gehört.

Entsprechend hochgestimmt reagierte das Publikum zum Abschluß. Es feierte auch Robert Holl, dessen Sachs vor allem in den Monologen des Schlußakts, angestachelt von der Ausdruckskraft des Orchesterklangs, zu erstaunlicher Differenzierungskunst fand. Insgesamt wirkt die Besetzung nach wie vor, als hätte man die besten Liedinterpreten zur Oper verführt. Andreas Schmidt gibt einen sauber deklamierenden Beckmesser, Robert Dean Smith versucht, den Stolzing ganz lyrisch und leicht zu singen, was ihm über weite Strecken auch gelingt. Nur daß er die Höhe mit problematischer Technik „aufsetzt”, wird ihm zuletzt zum Verhängnis. Emily Magee ist eine unauffällige, verläßlich singende Eva, Michelle Breedt eine sehr gute, betulich agierende Magdalene.

Wirklich enttäuscht hat diesmal nur Matthias Hölle, der mit den salbungsvollen Reden des Veit Pogner merklich Mühe hatte, während Hans-Joachim Ketelsens Kothners Verse hübsch gedrechselt zum besten gibt. Die beeindruckendsten Töne kommen diesmal paradoxerweise vielleicht vom Nachtwächter, Kwangchul Youn, der in seinen beiden Auftritten eine füllige Prachtstimme verströmen läßt.

Daß Wolfgang Wagner für diese – seine letzte – Regiearbeit Buhrufe erntete, nimmt angesichts der Festspiel- Ranküne nicht Wunder. Stimmiger als die gekünstelt-sinnlosen Witzchen der neuen „Ring”-Regie mutet sein Hyperrealismus allemal an. Und mit dem Engagement des Dirigenten Thielemann könnte der Festspielchef noch einmal eine bedeutsame Weiche gestellt haben. Kann sein, diese „Meistersinger” stehen am Anfang eines neuen musikalischen Kapitels für Bayreuth.


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