Notwendige Hieroglyphen für Mozart

Über den großen Interpreten Sándor Végh, der vom Quartett-Primarius zum unorthodoxesten Dirigenten wurde


Ein größeres Rätsel hat die jüngere Interpretationsgeschichte Orchestermusikern wohl kaum aufgegeben: Wie, so fragte sich der Beobachter oft, können die Mitglieder der Camerata academica überhaupt gleichzeitig einsetzen, wenn ihr Chef dirigiert? Die hieroglyphischen Zeichen, die Sándor Végh in die Luft zeichnete, hatten mit nichts weniger Ähnlichkeit als mit jenen klaren Direktiven, mit denen ein Kapellmeister seinen Musikern gemeinhin das Tempo angibt.

Vieles relativiert sich aber, wenn solch ein Musikant am Werk ist. Ist es wichtig, ob ein Orchester auf den Schlag präzis, gleichzeitig einsetzt? Erzählt man sich nicht auch von Wilhelm Furtwänglers arpeggierten Auftakten Wunderdinge? Vergleichbare Mysterien haben sich des öfteren ereignet, wenn Sándor Végh Haydn, Mozart oder Schubert dirigierte. Labsal in Zeiten, die vor allem der Diskussion um „historisch richtige Aufführungspraktiken” und „Originalinstrumente” gewidmet sind. Bei Végh war nichts von alledem, war überhaupt keine Verkrampfung spürbar. Das wäre ganz im Widerspruch zu seinem Naturell gestanden – und zu der Schule, der er entstammte.

Geboren 1912 im Siebenbürger Kolozsvár, hatte er als Teenager bei Größen wie Jenö Hubay und Zoltán Kodály in Budapest studiert und dort gewiß über alle bedeutenden Fragen musikalischer Interpretation nachgedacht. Sein Publikum hat er diesen Nachdenkprozeß nie fühlen lassen. Als Primarius seines Streichquartetts nicht, und schon gar nicht als Kammermusikpartner von Pablo Casals oder Rudolf Serkin.

Sándor Véghs künstlerischer Werdegang gönnte dem Geiger nicht nur Kontakte zu den größten Intrumentalistenkollegen seiner Zeit, sondern auch zu deren schöpferischen Kräften. Er saß am ersten Pult jenes Ensembles, das 1936 Bartóks V. Streichquartett uraufführte und konzertierte mit Komponisten wie Ernst von Dohnányi und Richard Strauss.

Als er spät in seiner Karriere Dirigent wurde, war er dessen, was die Musik im innersten zusammenhält, schon so sehr inne geworden, daß es keiner überdeutlichen technischen Zeichengebung mehr bedurfte. Denn er wollte das Natürliche. Dieses ist in der Musik nicht zu erklären, obwohl – oder gerade weil darüber unter echten Musikanten ein stiller Konsens besteht, den ein schlechter Partner stören kann, über den man sich mit einem guten aber wortlos zu verständigen weiß.

Das Paradoxon, daß vor größeren Ensembles einer ordnen muß, was sich doch in Wahrheit nur selbst ordnen kann, war bei Végh immer zu studieren: Ein bloßer Wink mit der linken Hand genügte, um einer Phrase den rechten Charakter zu verleihen. Für den nötigen Auftakt – der ist nur eine technische Notwendigkeit – sorgte im Ernstfall der Konzertmeister.

Végh aber gestaltete, formte, suggerierte die Musik. Mit Nebensächlichkeiten, die für andere die Hauptaktivitäten des Dirigentenberufs darstellen, hielt er sich nicht auf – aber jeder wirklich musikalische Mensch konnte, wenn er sich nur genügend weit für Mozart oder Schubert öffnete, ohne nachzudenken verstehen, was ein Fingerzeig des Altmeisters im entscheidenden Moment bedeutet hat.

Seiner gebrechlichen Konstitution zum Trotz bis zuletzt noch viele solcher Fingerzeige geben zu haben, war Sándor Véghs späte Größe. Sie hat uns unverkrampft herrliche Begegnungen mit großer Musik beschert; wie als Beweis dafür, wie selbstverständlich diese Teil unseres Leben sein kann, sein soll.


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