BERND WEIKL

Unangepasst vom ersten Sprung auf die Bühne an

Schon seine Anfänge in Wien waren alles andere als zahm und angepaßt. Als er das erste Mal auf der Bühne der Staatsoper erschien, sorgte er sofort für einen kleinen Aufruhr, weil er die Cavatine des Figaro aus Rossinis „Barbier von Sevilla” in italienischer Sprache sang, obwohl die Aufführung insgesamt in Deutsch gegeben wurde. „Die Konetzni hat damals gesagt, es war der längste Applaus, den sie auf offener Szene je erlebt hat”, freut sich der Bariton, der damals über Nacht zum Publikumsliebling geworden war, noch heute.

Das war 1972, das Wien-Debüt hatte in „Karussell” in der Volksoper stattgefunden. Weikl: „Eigentlich hat mich ja Marcel Prawy nach Wien gebracht!” Dem „Barbier”-Einstand folgte die Einladung zur ersten Premiere. Oder vielmehr: Sie folgte nicht. Irgendwie hatte die Direktion Gamsjäger vergessen, Weikl als Eugen Onegin zu engagieren. Das erboste Regisseur Rudolf Noelte dermaßen, daß er abreiste.

Weikl erinnert sich: „Das war nach einem Telephonat, das ich abwechselnd mit Gamsjäger und Noelte geführt habe. Gamsjäger redete auf mich ein: Weikl. Sag' doch: Du bist doch engagiert! Ich war aber wirklich nicht engagiert.” Die Premiere fand zwar dann statt, freilich ohne Noelte und ohne den vorgesehenen Dirigenten. Aber mit Weikl - und sie bildete den Auftakt zu schönen Wien-Jahren des Sängers. Die schönsten Erinnerungen? „Die schönen Sachen”, sagt er, „waren öfter. Weil dieses Haus, schon wegen des Orchesters, eine unvergleichliche Potenz hat, die in Europa einmalig ist.”

Ein Hans Sachs der Rekorde

Sein Repertoire hat Bernd Weikl vom Figaro über etliche Mozart- und Richard Strauss-Partien bis zum Hans Sachs erweitert. Den Sachs hat er mittlerweile über 140 mal gesungen: „Wenn man die Stunden zusammenzählt, dann ist das bestimmt ein Rekord”, sagt der Sänger, der davon überzeugt ist, daß Kunst nicht dazu da ist, „die Menschen zu unterhalten. Sie ist dazu da, die Menschen zu kultivieren.” Auf diese Weise könne der Musiker dazu beitragen, die Welt zu verbessern. „Wenn auch nur mit seinen bescheidenen Mitteln. Es müssen einfach alle zusammenhalten.” 

Solange ihnen nicht simple technische Hindernisse in den Weg gelegt werden: „Streng betrachtet, ist es so, daß englische, amerikanische oder russische Sänger alles singen, die deutschsprachigen aber immer auf Wagner und Richard Strauss reduziert werden. Und das ist gefährlich, denn diese beiden Komponisten fordern mehr von den Stimmen, straffer gespannte Stimmbänder, als sie die meisten Menschen mitbekommen.”

Nicht zuletzt dieses Thema behandelte Weikl in einem seiner Bücher, in dem er sich intensiv mit Fragen der Sängerausbildung beschäftigt und zu dem Schluß kommt, daß Menschen, die in Ländern mit stark vokalisierenden Sprachen aufwachsen, beim Singen bevorzugt sind. „Die Ausbildung müßte konsequent italienisch beginnen”, ist Weikl überzeugt. Überdies hätten die meisten Sänger lyrische Stimmen, und erst nach langem Überprüfen könne man feststellen, ob einer für das schwerere Repertoire geeignet ist. „Auch ich”, sagt er, „habe eine lyrische Stimme. Ich singe den Hans Sachs, aber ich werde nie ein Wotan sein.”

Daß er in den Neunzigerjahren weniger in Wien engagiert war als früher, nahm er gelassen zur Kenntnis: „Vor ein paar Jahren hätte ich mich gekränkt", meint er anlässlich der Verleihung der Ehrenmitgliedschaft der Wiener Staatsoper im Gespräch, "Heute seh' ich's gelassen. Es ist Zeit der Ernte. Und ich krieg ja jetzt hier ein Ehrengrab. Heute ist sozusagen Probeliegen . . .”

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