Wider die Ur-Derniere

Mindestens so wichtig wie Uraufführungen sind Reprisen erfolgversprechender Novitäten
ein Kommentar aus dem Jahr 2015, dem nicht nur in Wien, sondern auch in Salzburg Taten folgen . . .

„The Tempest“, die nächste Premiere an der Wiener Staatsoper, markiert einen raren Moment: Wien spielt eine zeitgenössische Oper nach, das heißt: Es handelt sich bei der Einstudierung nicht um eine Uraufführung, sondern um die Übernahme einer Produktion, die anderswo schon mit besonderem Erfolg gezeigt worden ist.

Das gehört zu den Ausnahmefällen im aktuellen Opernbetrieb. Dieser hat sich ja, auch wenn die Intendanten das nicht gern hören, zu einem Museumsbetrieb gewandelt, wogegen im Prinzip nichts zu sagen wäre, denn wie in gut geführten Kunstmuseen geht es auch im Musiktheater darum, jene Werke ständig parat zu halten, die als Erbstücke das Rückgrat der europäischen Kultur bilden.

Wie man Rembrandt, Goya und Manet nicht in den Keller räumt, pflegt man auch Mozarts, Verdis oder Wagners Meisterwerke in einer Dauerausstellung, zu deren wichtigsten Stücken mittlerweile auch Werke aus dem 20. Jahrhundert gehören, seien sie von Richard Strauss, Alban Berg, seien sie von Benjamin Britten.

Wobei die Wiedergewinnung des letztgenannten Komponisten bereits eine Großtat der jüngeren Vergangenheit darstellt. Denn nach 1950 begann man in dem falschen Wahn, nur Uraufführungen trügen zum Fortkommen der Gattung bei, mit einer Kultur der Ur-Dernieren: Opernhäuser und Festivals rissen sich darum, neue Werke in Auftrag zu geben, scherten sich aber nicht darum, ob irgendeine der bei diesem Wettlauf um Weltpremierenzahlen ins Leben gebrachten Novitäten es wert wäre, in die Dauerausstellung übernommen zu werden.

In jüngster Zeit begann man offenbar umzudenken. Thomas Adès konnte mit seiner Shakespeare-Oper einen echten Welterfolg landen, der in mehreren Häusern nachgespielt wird. Das ist immerhin ein Anfang; vielleicht hält sich „The Tempest“ ja – anders, als wir es mit Werken wie „Gesualdo“ oder „Medea“ erlebt haben – im Spielplan und gibt den Anstoß, einige erfolgversprechende Titel aus der Ära nach 1950 noch einmal probeweise aus den Archiven zu holen.

München zeigte zuletzt Zimmermanns „Soldaten“, Reimanns „Lear“ kehrte verschiedentlich auf die Bühne zurück. Von Einems „Dantons Tod“, Henzes „König Hirsch“ oder sein zuletzt an der Wien bestaunter „Prinz von Homburg“, aber auch Cerhas „Baal“ (wie der „Danton“ mit starkem Österreich-Bezug) könnten als aussichtsreiche Kandidaten eine gute Ergänzung zur angekündigten Reihe von Uraufführungen werden, die an der Staatsoper bis 2020 zu erwarten ist.


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