„CAPRICCIO“ VERTRÄGT KEINE PAUSE

Richard Strauss‘ letzte Oper ist lang, aber nicht so lang, dass man willkürlich eine Pause einschieben muss

Sie dürfen davon ausgehen, dass Wien demnächst den „fliegenden Holländer“ wieder mit ein bis zwei Pausen aufführt, vor allem aber, dass man bei der kommenden „Rheingold“-Premiere damit rechnen darf, während Wotans und Loges Abstieg nach Nibelheim Zeit für Sekt und Kaviar-Brötchen zu haben. Beide Werke sind länger als „Capriccio“, das zur höheren Ehre des Buffets (?), eine Unterbrechung erdulden muss.

Anders als bei Regisseur Rudolf Hartmann, der diese Pause in Strauss' Alterswerk erfunden hat, spielt man nicht einmal mehr die entschuldigenden Orchester-Takte, die Dirigent Joseph Keilberth damals aus einer anderen Szene eingerückt hat, um zumindest eine notdürftige Kadenz zu simulieren. In Wien fällt einfach der Vorhang. Und wenn nicht jedesmal – wie bei der Premiere – aus der Direktionsloge Applaus kommt, wird das Publikum ratlos dasitzen.

Zeitzeugen erinnern sich, die Autoren Strauss und Krauss hätten die Pause angeblich gewünscht. Vielleicht haben sie gesprächsweise einmal darüber nachgedacht. Nur: So, wie an der Staatsoper ausgeführt – aber auch so, wie von Keilberth arrangiert, ist diese Unterbrechung ein dramaturgischer Pfusch von beispielloser Insensibilität. Als wollte man den dritten Meistersinger-Akt (kaum kürzer als das ganze „Capriccio“!), vor der Festwiese teilen. Clemens Krauss war ja als Arrangeur gern zur Stelle, um Strauss helfend unter die Arme zu greifen. Im Falle der „Arabella“ hat er eine Lösung gefunden, den schwachen zweiten Aktschluss zu umgehen, indem er es kurzerhand strich und nahtlos das Vorspiel zum dritten Aufzug in ein Zwischenspiel zu verwandeln. Diese „zweiaktige“ sogenannte Münchner Fassung der „Arabella“ wird heute allgemein dem Original vorgezogen - hier macht nur Christian Thielemann eine Ausnahme. Auch die inhaltlich verworrene „Ägyptische Helena“ hat Clemens Krauss durch dramaturgische Umstellungen zu vereinfachen versucht. In diesem Fall hat er sogar den Komponisten dazu bewegen können, einige Passagen neu zu komponieren bzw. umzuarrangieren, was er sonst nie getan hat. Sollten Krauss oder Strauss also vorgehabt haben, für Aufführungen ihres gemeinsamen Werks „Capriccio“ eine Pause zu ermöglichen, dann hätte sie sich bestimmt um eine überzeugende Lösung bemüht - und eine gefunden. 

Gerade in diesem „Konversationsstück“ wrd so viel über die Theaterpraxis geplaudert. Wer den Text genau liest, findet für jede einschlägige Bühnensituation die rechten Pointen: Man sollte dem Formgefühl eines Theaterpraktikers wie Strauss trauen. Er hat in seinen Werken ja auch Pausen vorgesehen, wo er sie für richtig hielt. Im „Capriccio“ nicht . . .



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