DIE KÖNIGSDISZIPLIN

Joseph Haydn hat aus dem spätbarock-frühklassischen Divertimento die subtilste, raffinierteste Kammermusik-Gattung geschaffen: das Streichquartett. Wer in der Klassik-Welt etwas gelten wollte, musste sich in diesem Genre versuchen. Mit Mozart kam es sogar zu einem regelrechten musikalischen Wettstreit. Die Haydn gewidmeten Quartette des jüngeren Kollegen inspirierten diesen wiederum zu neuen Höhenflügen. Beethoven zog dann - wie auch im Bereich der symphonischen Musik - die Summe aus den Erkundungen der beiden Meister und öffnete damit der musikalischen Ausdruckskunst neue Dimensionen. Sie wirkten befruchtend für Generationen. 


Das musikalische Tagebuch der großen Meister

„Gewaltig viele Noten“, soll Kaiser Joseph dem Komponisten Mozart zugerufen haben. „Grad so viel als nötig“, hat Mozart angeblich darauf geantwortet. Vielleicht ist das die schönste Definition von „Klassik“, die je formuliert wurde. Jedenfalls ist es die kürzeste.

Wer nachhören will, wie das ist, wenn man ein Thema auf wahrhaft klassische Weise diskutiert, nicht zu viel und nicht zu wenig dazu sagt, sondern stets den Gesetzen harmonischer Architektur verpflichtet bleibt, sollte den Variationensatz aus dem sogenannten „Kaiserquartett“ von Joseph Haydn hören. Er könnte am Anfang einer Beschäftigung mit dem Genre Streichquartett stehen, denn die gebotene Schlichtheit ist hier in Wahrheit mit dem höchsten Raffinement gepaart.

Genau darum geht es bei der viel zitierten „Unterhaltung von vier vernünftigen Menschen“. In diesem Sinn bietet sich Mozarts G-Dur-Quartett aus der Reihe der Haydn gewidmeten Streichquartette von 1785 (KV387) als Einstiegsdroge an: Die Balance zwischen geistreicher Diskussion und gefühlsmäßigem Tiefgang bleibt hier auf mirakulöse Weise gewahrt, auch dort, wo im Andante cantabile die herrliche Gesangsmelodie ausdrucksvolle harmonische Abenteuer erlebt, und wo im Finale sich barocke Fugenkunst und Rokoko-Eleganz in tänzerischer Beschwingtheit finden. Die Vereinbarkeit des Unvereinbaren demonstriert auch Beethoven in seinem für Hörer, Spieler und Analytiker bis heute schwer zu ergründenden Spätwerk, das fast ausschließlich der Gattung Streichquartett gewidmet ist.

Herzrhythmusstörungen. Hier prallen etwa im B-Dur-Werk op.130 die Extreme aufeinander: eine von schwindelerregenden dynamischen Spielereien angeheizte „Danza tedesca“ und eine überirdische „Cavatina“, in der die zu Herzen gehende Melodie einmal von einem veritablen kardiologischen Phänomen gestört wird, das der Komponist in der Partitur ausdrücklich mit „beklemmt“ überschreibt. Herzrhythmusstörungen im Dreivierteltakt, in der „letzten“ Tonart des Quintenzirkels, Ces-Dur – die Kunst der subjektiven Aussage inmitten eines klassischen Formverlaufs ist auch später nie kühner geübt worden.

Von den romantischen Quartetten empfehlen sich neben den expressiven Schubert-Stücken in a-Moll, d-Moll („Der Tod und das Mädchen“) und G-Dur die Quartette von Brahms, Dvoráks leichtfüßig-raffiniertes F-Dur-Quartett, das Schwesterstück zur Symphonie „Aus der Neuen Welt“, und dann eines der beiden Spätwerke dieses Komponisten, op. 105 und 106, die Freunden breit angelegter romantischer Erzählungen von reichem Erlebnischarakter ausgiebiges Hörvergnügen bieten.


Die Abenteuer der Moderne. Die Abenteuer der Moderne beginnen mit den verzaubernden Klängen des langsamen Satzes aus Debussys g-Moll-Quartett und gehen über die atemberaubenden Flüstertöne in den „Scherzo“-Sätzen von Alban Bergs „Lyrischer Suite“ bis zu heftig dissonierenden Erschütterungen, die uns (und den Musikern) Bartók im Finale seines Vierten Quartetts zumutet – das klingt, als wäre eine Rockband plötzlich außer Rand und Band geraten, und das schon 1928!


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