Beethoven hat doch richtig getickt!

Am Anfang war die Verzweiflung. Man konnte das einfach nicht spielen. Schon gar nicht in dem Tempo, das der Komponist angegeben hatte. Ein Stück wie das Eingangs-Allegro der sogenannten Hammerklaviersonate stürzt Interpreten seit Jahr und Tag in Gewissensnöte. Schuld daran ist nicht einmal Ludwig van Beethoven, der Komponist, sondern Johann Nepomuk Mälzel, der Erfinder des Metronoms.

M.M. – die Abkürzung stand und steht für Mälzels Metronom. Und seither ist alles in Unordnung!

Waren das noch Zeiten, als Komponisten nicht in Versuchung kamen, ihre Tempovorstellungen an und mit einem solchen Apparat zu messen. Nikolaus Harnoncourt hat einmal erklärt, wie das war, als die Musiker noch ohne solche Hilfswerkzeuge auskamen und sich in ihrem Metier gut genug auskannten, dass ein kurzer Blick aufs Notenbild genügte, um Bescheid zu wissen.

Harnoncourt erklärte das anhand des dritten Satzes von Mozarts großer g-Moll-Symphonie: „Menuetto. Allegretto“ heißt es da. Ein Instrumentalist anno 1788 erkannte freilich sogleich, dass das pure Dokumentenfälschung war. Das Stücklein ist, so Harnoncourt, kein Menuett, sondern ein Passepied. Daraus ergab sich automatisch das richtige Tempo.

Dann aber, wie gesagt, kam das Metronom. Und darüber war die Nach-Mozart-Generation so aus dem Häuschen, dass sie alle guten Manieren vergaß. Zum Beispiel ein anderer Johann Nepomuk, nämlich Hummel, der bei Mozart in die Schule gegangen war und Trio-Arrangements von Mozart-Symphonien herausbrachte. Diese Ausgabe versah er nach der neuesten Mode mit Metronomzahlen.

Aus war's mit dem natürlichen Tempobewusstsein. Nikolaus Harnoncourt wusste ja auch präzis darzulegen, dass die Aufführungstradition besagter g-Moll-Symphonie völlig der Tempodramaturgie zuwidergehandelt und die Geschwindigkeitsverhältnisse zwischen erstem Satz und Finale einfach in ihr Gegenteil verkehrt hätte. Offenbar fing diese verhängnisvolle Verfälschung schon kurz nach Mozarts Tod an, denn Hummels Metronomangaben geben ihr recht, sind also laut Harnoncourt schlicht falsch.

Was Beethoven betrifft, dürfen sich Pianisten aber zurücklehnen: Seine „unspielbaren“ Metronomzahlen beruhen auf einem Irrtum. Das haben spanische Forscher jetzt in einer ausführlichen Studie konstatiert: Der Komponist hat ganz einfach die Zahl unter dem Gewicht abgelesen, statt – wie allgemein üblich – darüber.

Was für eine Erleichterung! Nicht nur wegen der nötigen Fingerfertigkeit, sondern auch, weil wir im Jahr eins nach dem Beethoven-Jubiläum sicher sein dürfen: Der Meister hat doch richtig getickt, nur falsch abgelesen.