Christa Ludwig: Wer singt am schönsten im ganzen Land?

Christa Ludwig: Wer singt am schönsten im ganzen Land?

Sentimental war Christa Ludwig nicht. Für allzu große Gefühlsäußerungen hatte sie wenig übrig. Wehleidigkeit kannte sie nicht. Schicksalsschlägen, meinte sie, müsse man ins Auge sehen und dann klug reagieren. Alles andere könne man mühelos managen. Wer ihr zuhörte, wenn sie den "Abschied" aus Gustav Mahlers "Lied von der Erde" sang, hätte nie vermutet, dass hinter einer so tief empfundenen Interpretation eine vollkommen rational kalkulierende Interpretin stand. Im Künstlerzimmer konnte sie auf Punkt und Komma analysieren, warum eine Aufführung welche Wirkung auf das Publikum gehabt hatte.

Freilich: Wenn sie auf dem Podium stand, schien auch sie solche Überlegungen vollkommen zu vergessen. "Ach was", sagte sie einmal im gewohnt launigen Gespräch, "das ist die Lust am eigenen Geschrei", wenn man sie auf die überwältigende Wirkung manch ihrer Gesangstöne ansprach. Die "Lust am eigenen Geschrei", musste sie dann zugeben, die empfand sie ja tatsächlich selbst. Und sie ließ ihr Publikum daran teilhaben. Hinterher eine präzise Abrechnung machen zu können, was gesangstechnisch funktioniert hatte, was nicht, das war das zweite Gottesgeschenk, das Christa Ludwig für ihren langen, erfüllten Lebensweg mitbekommen hatte. Das erste war die Stimme, das unvergleichliche Timbre.

Daran mochte sich ihr Publikum nicht satthören. Es war in Wahrheit egal, was die Ludwig sang, man kam, um den Wohllaut dieser Stimme zu vernehmen. Etwas Schöneres als die "Wacherufe" der Brangäne im Mittelakt von "Tristan und Isolde" gab es nicht. Nicht annähernd hat je eine Sängerin ihrer oder der nachfolgenden Generation hier eine so vollkommene Verschmelzung von strömender Vokallinie mit Wagners orchestraler Klangzauberei erreicht.

Sie sagte Karajan und Bernstein Nein

Just die zwischen Mezzo- und Sopranlage strapaziös changierende Partie empfand Christa Ludwig als höchst unangenehm und gab sie bald auf. Dabei galt sie in den Sechziger- und Siebzigerjahren als die kühnste Grenzgängerin der Opernwelt, sang früh in ihrer Karriere schon dramatische Sopranpartien, erfüllte sie mit sinnlichem Klang und intensivem Ausdruck. Es ist kein Zufall, dass die großen Maestri, mit denen die Ludwig ihr Lebtag zusammengearbeitet hat, von ihr die Isolde forderten. Bei Leonard Bernstein, den sie über alles verehrte, wäre sie beinahe schwach geworden. Aber nur beinahe. Sie sagte ihm Nein, wie sie Karajan Nein gesagt hatte - und Karl Böhm, der gemeint hatte, er sei der Einzige, bei dem sie dieses Experiment hätte wagen dürfen . . .

Eines der großen Kunststücke der Christa Ludwig war, Lieblingssängerin aller drei dieser egomanischen Pultvirtuosen werden zu können. Man kam um sie nicht herum, wenn man die jeweils beste Besetzung für eine bestimmte Partie suchte, die der Ludwig zugänglich war. Und jenseits der Isolde schien diese Stimme keine Limits zu kennen. Für Hans Knappertsbusch sang sie sogar den Schlussgesang der Brünnhilde aus der "Götterdämmerung". Und unter Otto Klemperer eine singulär intensive "Fidelio"-Leonore, und zwar, weil der Plattenproduzent Walter Legge darauf bestanden hatte: Ihm vertraute Ludwig, anders als den Dirigentenpersönlichkeiten, die um sie buhlten, denn er verstand etwas von Stimmen, befand sie. Wie sonst nur noch ihre Mutter, Eugenie Ludwig-Besalla, die als Pädagogin bis ins höchste Alter die Karriere ihrer Tochter überwachte.

Dieserart betreut, wagte sich Christa Ludwig schon in ihren Anfängerjahren im Ensemble der Oper Frankfurt an heikelste Aufgaben, war Cenerentola und Venus, Eboli und Kundry, Dorabella und "Wozzeck"-Marie. Sopran, Mezzo, Alt? Die Frage stellte sich nicht, die Ludwig konnte von Verdis allertiefsten Tönen der Ulrica ("Maskenball") bis zum strahlenden hohen C, mit dem Bartoks Judith das Öffnen der "Fünften Tür" quittiert, jeglichen Anspruch erfüllen, den eine Partie an sie stellte: Immer klang es, als müsse es so und nicht anders sein.

Verführerische Kundry

Einen erotischeren Cherubin hat es vermutlich nie gegeben. Ihre verführerische Kundry umgarnte Parsifal mit Sirenentönen, denen wirklich nur ein Heiliger widerstehen konnte. Die Wagner-Gemeinde durchbrach angesichts der schieren Gewalt ihres Fluchs "Entweihte Götter" inmitten des "Lohengrin" sogar das Applausverbot, das sonst in Werken des Meisters herrscht. Selbst der strenge Karl Böhm musste in den Sechzigerjahren nach diesem überwältigenden Moment unterbrechen, weil das Auditorium tobte. Zubin Mehta wusste zehn Jahre später bereits, was ihn erwartete. Die Ludwig war die selbstverständliche Besetzung für die Ortrud. Undenkbar, dass während ihrer Ära eine andere die Premiere gesungen hätte.

Die "Lust am eigenen Geschrei" verwandelte sich in den kammermusikalischen Momenten der Liederabende immer wieder auch in die Sehnsucht nach behutsamer vokaler Zärtlichkeit, nach den Augenblicken inniger Versenkung. Das war auch Christa Ludwig, eine Sängerin, die den großen Emotionen der kleinsten Miniaturen eines Hugo Wolf, der Konzertsaal-Dramatik eines Gustav Mahler Gerechtigkeit widerfahren lassen konnte und die singen durfte "Ich bin der Welt abhanden gekommen", ohne dass ein kleiner Rest von Unglaubwürdigkeit dabei geblieben wäre.

Sie konnte selbst diese Augenblicke der Entrückung hinterher wieder sachlich analysieren. Sie wusste ja auch, wann es Zeit war, von der Bühne Abschied zu nehmen. Auch das tat sie ohne jegliche Sentimentalität. Die Tränen überließ sie uns.