Eugene Ormandy CD-Edition

120 CDs mit den Mono-Aufnahmen des Philadelphia Orchestra unter der Leitung seines Langzeit-Chefs Eugene Ormandy? Für den Großteil auch der gut informierten Musikfreunde klingt das wenig attraktiv. Die Liste an notwendigen Korrekturen solch vorgefasster Meinungen wird mit jeder gehörten CD länger. Wir mitteleuropäischen Musikfreunde haben von Eugene Ormandy in Wahrheit keine Ahnung. Sein Name fällt uns als letzter ein, wenn es darum geht, die Bedeutung ungarisch-jüdischer Exilanten für die US-amerikanische Orchesterlandschaft zu benennen. George Szell und Fritz Reiner, ja, Reiners Nachfolger Georg Solti, gewiss.

Dabei dauerte Eugene Ormandys Regentschaft in Philadelphia fast vier Jahrzehnte. "The Philadelphia Sound - c'est moi", durfte der Dirigent sagen - und mit dieser Wahrheit die nächste Legende in die Welt setzen, die Erzählung vom "Klangmagier Ormandy". Wer dessen frühe Aufnahmen hört, entdeckt alles andere als einen vorrangig auf farbenprächtige Klangmixturen konzentrierten Dirigenten.

Viele der hier vorliegenden Einspielungen gehören zu den analytisch klarsten, differenziertesten Deutungen der jeweiligen Partituren; und vor allem: zu den allerschnellsten. Ormandy war also offenkundig das Gegenteil eines Maestros, der mit dickem Pinsel herrliche Farbnuancen abmischt, um sie dann bei möglichst breiten Tempi auszukosten. Doch darf man sich zurücklehnen, um das Spiel eines exzellenten Orchesters zu genießen, das die Farben auf den Tableaux blitzsauber voneinander abgegrenzt, sie nicht verschwimmen lässt.

Das schafft eine fabelhafte Durchhörbarkeit komplexer Strukturen, was wiederum den vielen zeitgenössischen Werken, die Ormandy aufgenommen hat, zugutekommt. Die gesammelten Werke der Partnerschaft Ormandy/Philadelphia begannen in der Schellack-Ära anno 1945 zwar mit Beethovens Siebenter und Brahms Vierter Symphonie. Im Übrigen aber machen Versatzstücke des klassischen Repertoirekanons einen verschwindenden Anteil der umfangreichen Edition aus. Das ist für Sammler auch reizvoll, weil amerikanische Avantgarde der Vierziger- und Fünfzigerjahre zu entdecken ist, vom Broadway-Sound bis zur Schönberg-Nachfolge ist da alles dabei - und durchwegs mit Engagement gespielt.

Romantik, frei vom Kitschverdacht

Aber auch am oberen Ende der Popularitätsskala, von Chabriers "Espana" bis zu den großen symphonischen Werken Sergej Rachmaninows, erweist sich Ormandys messerscharf sezierender Zugriff als Wohltat, nimmt er doch jeglichen Kitschverdacht von dieser Musik.

Wie Rachmaninows Musik zu spielen ist, hat der Dirigent letztendlich beim Komponisten selbst gelernt, mit dem er in frühen Jahren sämtliche von dessen Klavierkonzerten aufgenommen hat. Dass Ormandy ein gesuchter Dirigentenpartner war, adelt auch diese CD-Edition. Die großen Violinkonzerte des Repertoires nahm man in Philadelphia mit Geigern wie David Oistrach, Isaac Stern oder Zino Francescatti auf, am Klavier saß mehr als einmal Rudolf Serkin, dessen glasklares Spiel mit den Intentionen dieses Maestros perfekt harmonierte.

Dieserart hellhörig geworden, taucht man in die lang bekannten Welten von Jean Sibelius, Debussys "Faun" oder Paul Dukas' "Zauberlehrling" ein und vernimmt neugierig unerhörte Details von deren Geschichten, verschmitzte, ja lustige Zwischentöne in Bartoks Drittem Klavierkonzert; und in Schönbergs "Verklärter Nacht" plötzlich Mittel- und Gegenstimmen, die verraten: Der wohlig-romantische Gefühlsüberschwang resultiert hier aus einer kontrapunktisch-handwerklichen Meisterleistung - des Komponisten und seines Interpreten!

Eugene Ormandy, alias Jeno Blau, war einst von Jeno Hubay als Meisterschüler akzeptiert worden, muss also ein meisterlicher Geigenvirtuose gewesen sein. Das war wohl das Geheimnis des vielfach schattierten Streicherklangs, der - vielleicht mehr noch als bei den großen Pianistendirigenten - lebendig und beweglich blieb, nachdem ein Akkord einmal "angeschlagen" war.

Ormandy hat diese flexiblen Qualitäten nicht missbraucht. Wer - etwa bei den vielen Johann-Strauß-Interpretationen- sinnlichen Zusatznutzen sucht, wird im Falle der englischsprachigen, luxuriös besetzten "Fledermaus" von der Metropolitan Opera spätestens im Csardas der Rosalinde entschädigt, den Ljuba Welitsch mit vokalem Sexappeal gestaltet. Eine freilich singuläre Zugabe.