Franz Werfels Einsatz für Giuseppe Verdi

Die Wiener Volksoper wollte im November 2020 eine Lanze für Franz Werfels Version der „Macht des Schicksals“ brechen und  damit an dessen bahnbrechende Leistungen für die Renaissance der italienischen Oper im deutschen Sprachraum erinnern.

Ein „wirklich spannendes Projekt“ nannte Volksopern-Dramaturg Christoph Wagner-Trenkwitz die Aufführung der „Macht des Schicksals“, die – in konzertanter Form – für 7. November geplant waren, aber wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden mußten.

Mit der Wiedergabe einer Verdi-Oper in deutscher Sprache hätte das Haus endlich wieder bei einer seiner wichtigsten Aufgaben angeknüpft – und vor allem neugierig auf seine eigene Vergangenheit zurückgeblickt.

Die Begleitumstände der Vorarbeiten zur Aufführung bleiben dennoch bemerkenswert.

Wagner-Trenkwitz hatte Marie-Theres Arnboms viel diskutiertes Buch „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“ aufmerksam gelesen und dort erfahren, dass Franz Werfel Mitte der Zwanzigerjahre geplant hatte, seine deutschsprachige Übersetzung des Verdi-Librettos erstmals in der Volksoper zu präsentieren. Der damalige Direktor des Hauses, Fritz Stiedry, bald zur Emigration gezwungen und einer der führenden Dirigenten der New Yorker Metropolitan Opera, hatte sich für eine Produktion der „Macht des Schicksals“ interessiert.

Was sich im Jahr 2020 wie ein Routineplan ausnehmen mochte, war damals eine bahnbrechende Idee. Für Verdi interessierte sich die Opernwelt nämlich in jenen Jahren nicht wirklich, von einigen, wenigen Dauerbrennern des Repertoires einmal abgesehen.

Es war tatsächlich der Schriftsteller Franz Werfel, der den Gesinnungswandel herbeiführen konnte. Und zwar mit seinem „Verdi – Roman der Oper“, der quasi als Opus 1 des neu gegründeten Zsolnay-Verlags 1924 in Wien erschien und sogleich zu einem Bestseller wurde.

Der Boden war damit aufbereitet, und Werfels Verdi-Faszination hielt an. Zunächst gab er eine Sammlung von Verdi-Briefen heraus. Dann begann er Textbücher von Verdi-Opern zu übersetzen, die im deutschen Sprachraum völlig in Vergessenheit geraten waren, „Simon Boccanegra“ machte den Anfang, „Don Carlos“ folgte.

Gerade damit hatte es seine besondere Bewandtnis: Immerhin wetterte Richard Strauss noch 1945 in einem sonst nach wie vor beherzigenswerten Konzept für ein sinnvoll gestaltetes Wiener Opernrepertoire, dass Opernversionen deutscher Klassiker – in welcher Sprache auch immer – „auf der deutschen Bühne“ nichts verloren hätten.

Werfel sah das ganz anders und war dafür verantwortlich, dass „Don Carlos“ in der szenischen Einrichtung des Regisseurs Lothar Wallerstein 1932 herauskam, musikalisch übrigens betreut von Clemens Krauss; ausgerechnet! Krauss war der Lieblingsdirigent von Richard Strauss!

Das war eine Produktion der Staatsoper. Mit Fritz Stiedry hatte Franz Werfel zuvor für die Volksoper einen ganzen Verdi-Zyklus geplant und sich die Übersetzungsrechte für die Textbücher gesichert: „Gelänge es nun, die Texte einigermaßen zu säubern und für die deutsche Bühne brauchbar zu machen (die ja immer besonders gute Texte verlangt hat), so wäre eine herrliche Musik gerettet“, gab sich Werfel in einem Gespräch für die Zeitschrift „Die Bühne“ zuversichtlich. Er wollte „weniger das Wort des Textes als das Gefühl der Musik ins Deutsche übertragen“.

Werfels auch dramaturgisch bearbeitete Version von „La forza del destino“ sollte den Anfang machen. Der heute noch gebräuchliche deutsche Titel „Die Macht des Schicksals“ geht auf Werfel zurück – und diente im Verdi-Roman bereits als Kapitelüberschrift.

Der Wiener Fritz Stiedry, einst Assistent Gustav Mahlers an der Hofoper, verließ aber seinen Volksopern-Posten schon nach einer Saison im Sommer 1925. So kam das Verdi-Projekt in Wien nicht zustande.

Nun gibt man die „Macht des Schicksals“ immerhin konzertant, und Dramaturg Wagner-Trenkwitz freut sich, dass Franz Werfels ganz eigenständige Übersetzung nun endlich auch Wiener Opernfreunden bekannt wird: Dem Dichter sei es, so Wagner-Trenkwitz, tatsächlich gelungen, den Text aus Verdis Musik heraus zu formen, den Sinn des Originals zu treffen und dennoch literarischen Ansprüchen zu genügen. Hie und da verkehre Werfel den Sinn von Francesco Maria Piaves Text zwar geradezu in sein Gegenteil, aber immer mit dramaturgischer Methode, „um den Subtext des Singenden zu illustrieren oder die Spannung zu erhöhen“.

Einige Passagen in Werfels Text nennt Wagner-Trenkwitz echte literarische „Gustostückerln“, etwa jene Passage, in der Fra Melitone sich darüber beklagt, dass er der Aussprache Pater Guardians mit Leonore nicht beiwohnen dürfe: „Wenn's delikat wird, zu gehen schad wird, dann entlässt man mich eilig. Ich zähl nicht zu den Heiligen, mich will man nicht beteiligen.“

Werfels Witz, Schillers Vorbild

Dergleichen Passagen verdanken wir Werfels Witz. Aber, so weist der Volksopern-Chefdramaturg nach, der Wiener Schriftsteller zollte auch Friedrich Schiller seinen Tribut, und zwar dort, wo sich schon die italienischen Autoren beim deutschen Dramatiker bedienten.

Wagner-Trenkwitz: „Der anklagende Monolog des Fra Melitone im dritten Akt der ,Forza del destino‘ ist dem achten Auftritt in Friedrich Schillers ,Wallensteins Lager‘ nachempfunden. Obwohl es sich bei Melitone um einen Franziskaner handelt, wird sein anklagender Monolog von Werfel (wie bei Schiller) als ,Kapuzinerpredigt‘ übertitelt. Im Wallenstein hebt der vorwurfsvolle Mönch so an: ,Heisa, juchheia! Dudeldumdei! Das geht ja hoch her. Bin auch dabei! Ist das eine Armee von Christen? Sind wir Türken? Sind wir Antibaptisten?‘ In Werfels ,Macht des Schicksals‘ wurde daraus, durchaus wiedererkennbar: ,Heißa! Stampft nur die ganze Welt zusammen. Immer, wo's lustig zugeht, bin ich vorhanden! Ist dies ein Volk von Christen? Nein! Ihr seid Türken! Anabaptisten!‘ – eine Aufführung diesser deutschsprachigen Fassung der Verdi-Oper wäre also auch ein Abend für die literarische Spurensuche.