Gespräch mit dem Pianisten

Berühmt war Igor Levit schon, bevor er sein erstes großes Konzert in Deutschland gab, denn die führende Kritikerin des Landes, Eleonore Büning, nannte ihn bereits anlässlich einer Tournee "einen der großen Pianisten des Jahrhunderts". Spätestens seit dem Corona-Lockdown wissen es nun alle, dank der im Internet gestreamten "Hauskonzerte".

Weil er aber als in Russland geborener Jude zum berühmtesten deutschen Pianisten wurde, war und ist Levit auch Anfeindungen ausgesetzt. Auch darüber spricht er in seinem Buch mit Florian Zinnecker. Sehr heutig-unverschnörkelt geraten da zwei Twitter-Zeitgenossen, wie Gustav Mahler beim Komponieren, aus scheinbaren Kleinigkeiten immer wieder "ins große Einmaleins".

Die unverhohlene Freude über das Buch, bekennt Igor Levit nun im "Presse"-Gespräch, fühle sich an wie die Freude über ein gelungenes Konzert. Sie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Sache nun vorbei ist. "Das Schöne an Musik ist", sagt er, "dass sie keinen materiellen Wert darstellt. Den höchsten Eindruck trägst du mit dir, sagt schon Ferruccio Busoni. Das Konzert aber ist zu Ende, existiert nicht mehr. In diesem schönsten Sinne ist es also nicht mehr interessant."

Vielleicht ist das ein Grund, warum sich Igor Levit kaum mit eigenen CD-Aufnahmen beschäftigt, wenn sie einmal veröffentlicht sind. "Ich höre die nie an", sagt er, "mit den Aufnahmen ist es wie mit den Konzerten: In dem Moment, wo ich spiele, sind sie das Wichtigste auf der Welt. Danach denke ich höchstens: Wohin gehe ich weiter?"

Momentaufnahmen. Tatsächlich stellt das neue Buch wie jede CD-Aufnahme das Dokument eines bestimmten Moments dar: "Natürlich" erinnert sich Levit an den Zyklus der Beethoven-Sonaten, die er für Sony aufgenommen hat, "das hat mir viel bedeutet, dass ich diese Aufnahme machen durfte", in jugendlichem Alter, "und nicht nur in dem Alter", ergänzt er, "sondern überhaupt, dass ich die Beethoven-Sonaten aufnehmen durfte. Aber manche von diesen Aufnahmen sind 2018 entstanden. Wenn ich dieselben Stücke heute spiele, dann hat das nichts mehr mit dem zu tun, was ich damals gemacht habe. Das ist vergangen im wahrsten Sinne des Wortes."

Um nicht missverstanden zu werden, setzt Igor Levit freilich gleich nach: "Es ist nicht egal, was ich gestern erzählt habe. Aber ich hoffe doch sehr, dass ich in zehn Jahren anders bin als dieses Jahr. Alles andere wäre ja schrecklich."

Wobei das Wort, meint er, "noch einmal anders wiegt als die Musik. Jedenfalls kann man ein Buch wieder aufmachen und noch einmal lesen." Musikalisch geht es dann doch um die Frage, wie eine Klaviersonate beim nächsten Live-Auftritt klingt. Wie auch immer sie auf einer CD zu hören sein mag. Dass ein Interpret mit bestimmten Stücken noch einmal von vorn anfangen könnte, dass er "Tabula rasa" macht, als hätte er die Noten zuvor nie gesehen, daran glaubt Levit freilich nicht: "So funktioniert das Leben nicht! Tabula rasa, das war bei Adam und Eva. Aber seither nicht mehr."

"Geburt und Tod", sagt er, hätten etwas mit "Tabula rasa" zu tun. Was sich dazwischen ereigne, ließe sich immerhin neugierig beobachten. "Ich kann", sagt er, "anhand von Beethovens ,Diabelli-Variationen', die ich viel gespielt habe, feststellen, dass meine Staccati kürzer werden, dass Übergänge freier wirken, die Tempi selbstbewusster. Das geht einmal hier, einmal da weiter, von Aufführung zu Aufführung, und eh du dich's versiehst, hat sich das Werk verändert." Und der Interpret wohl mit ihm.

"Von der Aussage, man sei zu jung für ein bestimmtes Werk, halte ich gar nichts", sagt Igor Levit, ganz in diesem Sinne. "Es gibt keine Altersfreigabe für große Kunstwerke." Auch andere Grenzziehungen akzeptiert der Pianist nicht. Bei den Salzburger Festspielen hat er schon einmal Symphoniesätze von Gustav Mahler in Klaviertranskriptionen gespielt. Auch im kommenden Sommer widmet er einen seiner Klavierabende im Festspielhaus einer Symphonie - und, apropos Altersfreigabe - einer der größten von allen.

Die, zugegeben, etwas provokante Frage, warum man sich Beethovens "Eroica", eigentlich in Salzburg Terrain der Wiener Philharmoniker, in der Klavierfassung Franz Liszts, gespielt von Igor Levit anhören soll, quittiert der Pianist knapp mit der Gegenfrage: "Warum nicht?" Um gleich nachzusetzen: "Im Ernst, ich glaube, was Liszt mit den Beethoven-Symphonien gemacht hat, gehört zum Unglaublichsten, was in der Kunst der Klaviertranskription je geleistet wurde. Das ist nicht einfach ein Klavierauszug. Wie groß war Liszt schon klaviertechnisch, um das realisieren zu können! Kompositionstechnisch sowieso. Pianistisch geht es oft an die Grenze der Unspielbarkeit, aber es ist immer sinnvoll, und es ist meisterhaft im Verständnis für die Orchesterinstrumente wie für das Klavier."

"Sommernacht in Schönbrunn". Solche Aufgaben fesseln Igor Levit. An diesem Projekt arbeitet er jetzt, während er im Lockdown auf kommende Auftritte wartet: "Ich weiß nicht, was in Deutschland möglich sein wird, und vor allem, wann etwas möglich wird. In Wien spiele ich jedenfalls Rachmaninows ,Paganini-Rhapsodie' im Sommernachtskonzert der Philharmoniker in Schönbrunn. Und kurz zuvor ist ein Abend im Konzerthaus mit der wunderbaren Cellistin Julia Hagen geplant. Auch darauf freue ich mich sehr."