Mozart in der Staatsoper. Gar nicht mehr selbstverständlich

Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an der Staatsoper? Das ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Fast auf den Tag genau vor zwanzig Jahren lief das Stück das letzte Mal im Haus am Ring. Nun feiert die Übernahme der viel diskutierten Inszenierung von Hans Neuenfels aus Stuttgart Premiere.

Schon die voraufgegangene Produktion war eine Übernahme: Die Festwochen-Premiere an der Wien war 1989 ein Danaergeschenk der Direktion Drese/Abbado an den Nachfolger Eberhard Waechter.
Die Premiere dauerte so lang wie Wagners „Walküre“. Ich erinnere mich gut, wie Waechters designierter Generalsekretär, Ioan Holender, angesichts der durch das Regie-Ehepaar Karl-Ernst und Ursel Hermann endlos in die Länge gezogenen Dialoge verzweifelte: Ab sofort musste die Staatsoper bei jeder Aufführung dieses Singspiels Überdienste bezahlen.
Dabei war uns die „Entführung“, wiewohl Musterbeispiel des vergleichsweise „leichten“ Genres, damals längst auch in musikalischer Hinsicht über den Kopf gewachsen.

Die Uraufführung im Burgtheater war anno 1782 so etwas wie die Initialzündung der neuen Gattung. Mozart selbst spricht irgendwann sogar von einer „Operette“ – was er seinen Interpreten aber zugemutet hat, geht vielfach über die Erfordernisse der „großen Oper“ hinaus. Jedenfalls ist die „Entführung“ nicht einfacher zu besetzen als etwa „Don Giovanni“.

Die Stimmen des gegenüber den Gemeinplätzen der Vorlage Christoph Friedrich Bretzners immens aufgewerteten Haremswächters Osmin und der Primadonna, die nicht zufällig den Namen von Mozarts künftiger Ehefrau Konstanze trägt, müssen über ungewöhnliche Umfänge verfügen.
Und die Sopranistin sollte alle Ausdruckswerte vom großen Trauerpathos bis zur brillanten Koloratur beherrschen, eine Herausforderung, der in den vergangenen Jahrzehnten nicht einmal die Premieren-Besetzungen in Wien und Salzburg gewachsen waren.

Mozarts Werk – entstanden am Vorabend eines heute kaum beachteten „Türkenkriegs“, im Zuge dessen es übrigens zur Annexion der Krim durch Russland kam – gilt überdies als aufklärerisches Vorzeigestück.
Immerhin ist es ja der muslimische Herrscher, der zuletzt dem Feind vergibt. Man übersieht dabei leicht: Auch dieser Bassa Selim war ein Christ, ist also ein Überläufer, die Dinge liegen, wie immer bei Mozart, in vielen Schichten übereinander, oder besser: sind ineinander verwoben.
Und dass der Bassa nicht singt, war ursprünglich nicht geplant, sorgt aber für kräftige dramaturgische Verzahnungen von Musik und Dialog; eine zusätzliche Herausforderung für die Regie. Hans Neuenfels verdoppelt einfach die handelnden Personen.