Nachruf auf eine der mächtigsten Musikagenturen

In Europa scheint die Nachricht, die am Samstag in den USA lanciert wurde, kaum jemanden interessiert zu haben. Dennoch: Dass Columbia Artists Konkurs angemeldet hat, scheint mir einer Betrachtung wert. Die Kurzformel „Cami“, die lieblich wie ein Kinderspielzeug klang, konnte Operndirektoren kalte Schauer über den Rücken jagen.

„Cami“ war die mächtigste Künstleragentur auf dem Klassik-Markt. 90 Jahre hat es sie gegeben. Es begann ganz klein, wie sich's nicht nur in Amerika gehört, wuchs sich aber bald zu einem weltumspannenden Imperium aus. Wer im Business Karriere machen wollte, hatte mit dieser Agentur ziemlich gute Karten.

Leonard Bernstein war selbstverständlich unter Vertrag, James Levine ist mit dieser Agentur im Hintergrund zum Alleinherrscher der Metropolitan Opera aufgestiegen. Eugene Ormandy oder Otto Klemperer vertrauten auf das Managementgeschick, ebenso die Opernstars Leontyne Price, Renata Tebaldi, Elisabeth Schwarzkopf, Richard Tucker oder Jussi Björling.

Freilich: Wer mit solchen Namen auf der Liste stand, war „verkäuflich“, auch wenn er vielleicht selbst nicht ganz so berühmt war. Ein Geschäft gibt das andere. So war das, zumindest bis die Coronakrise das Geschäft zum Erliegen brachte.
Erst schloss die Met ihre Pforten, jetzt gaben die Cami-Manager auf. „Fieberhaft“, so ließen sie ihre Künstler am Samstag per Mail wissen, werde an Lösungen für die Vertragspartner gearbeitet. Und daran, die Gläubiger zu befriedigen.

Dergleichen hätte man Ronald Wilford prophezeien sollen, als er auf dem Höhepunkt seiner Macht stand: Der unauffällige Herr, den im Pausentrubel einer Opernaufführung kaum ein Musikfreund hätte identifizieren können, saß seit 1970 an den Schalthebeln der Klassik-Macht.

Herbert von Karajan war sein wichtigstes „Schlachtross“ – nur der Sony-Chef Norio Ohga hatte ebenso viel Einfluss auf die Entscheidungen des Dirigenten; aber dessen Zeit begann bedeutend später.
Wilford hielt allüberall die Zügel in der Hand. Als etwa Ioan Holender einen Staatsopern-Musikchef suchte – mit großem Namen, aber wenig Ambition, sich in die Direktionsgeschäfte einzumischen –, wusste der Boss der Klassik-Bosse Rat: Seiji Ozawa, ohnehin schon einen Deut zu lange erfolgreich in Boston, wechselte nach Wien.

Bei raffinierten Lösungen war Wilford im Spiel. Bei weniger subtilen sowieso. Er starb 2015. Sein bester Mitstreiter, Jack Mastroianni, hatte längst eine eigene Agentur gegründet. Die Nachfolger rieben sich auf. Dass ohne Cami „nichts ging“, war bald nur noch Wunschtraum. Jetzt, wo gerade aus anderen Gründen nichts (oder wenig) geht, gibt es die Agentur nicht mehr.