Operhäuser brauchen "schlechte Plätze"

Zeit zum Umdenken. Kein Mensch kann sagen, ob wir in absehbarer Zeit zu einem „normalen“ Kulturleben zurückkehren können. Oder ob es nach der Pandemie überhaupt je wieder so sein wird wie zuvor.

Zu dieser „Normalität“ würde das gemeinschaftliche Erlebnis gehören, im Theater, im Konzertsaal. Angesichts des kleinen Häufleins Aufrechter, die zuletzt in den riesigen Hallen der Staatsoper oder des Musikvereins den Sonderkonzerten beiwohnen konnten, erinnerte ich mich an die Diskussion um die sogenannten schlechten Plätze.

Die gab es in allen alten Theatern und in den Konzertsälen. Und es hat sich immer wieder herausgestellt, dass alle architektonischen Bemühungen um Häuser, in denen alle demokratisch-gleichberechtigt gut sitzen sollten, zum Scheitern verurteilt waren. Schubladen-Häuser wie die Deutsche Oper Berlin oder die Opéra Bastille in Paris – um nur zwei Beispiele zu nennen – „klingen“ nicht.


Warum, könnten nur Akustiker erklären, die aber regelmäßig scheitern, wenn ihre Theorien in die Praxis umgesetzt werden. Die besten Häuser hat man gebaut, als es noch keine Akustiker gab. Und in diesen Häusern kommen nicht nur die Stimmen gut zur Geltung, es kommt auch Stimmung auf. Ob das etwas mit den „schlechten Plätzen“, den hinteren Logensitzen, dem „Juchhe“ auf der Galerie zu tun hat, kann ich nur vermuten.

Die Mischung muss offenbar stimmen. Wie gesagt, ob wir die in absehbarer Zeit wieder ausprobieren können, steht in den Sternen. Ein Salzburger Festspielhaus wird ja auch armselig leer aussehen, wenn 1000 Leute darin sitzen. Immerhin dürfen sie das ab 1. August vielleicht wieder.

Am wenigsten gefährdet von Restriktionen sind im Moment jedoch Freiluftveranstaltungen – vom Salzburger „Jedermann“ bis zu kurios anmutenden Neo-Festivals, die noch vor wenigen Wochen völlig undenkbar gewesen wären; man spielte Wagner in Nikolsburg und Beethovens „Fidelio“ in den Kasematten von Graz.

Und es sind allüberall Weltstars mit von der Partie: Im Amfiteátr Mikulov begegnet man René Pape oder Günther Groissböck wieder, in Graz gibt sich Sir Bryn Terfel die Ehre, an der Seite von Peter Seiffert!
Und es gibt ein Wiederhören mit Reiner Goldberg, einst Bayreuther Siegfried, jetzt der „erste Gefangene“! (20., 22. und 23. August – Informationen unter: www.spielstätten.at)

Und nicht zu vergessen: Das Streaming von Musik und Musiktheater feiert fröhliche Urständ. Das findet auch schon in Preisverleihungen Niederschlag. Im Zuge der Verleihung des österreichischen Musiktheaterpreises wird heuer ein Medien-Sonderpreis an Günther Groissböck vergeben: Für seine internationale Tätigkeit als österreichisches Aushängeschild – und das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass er bei Auftritten wie jenem Live-Stream aus der Staatsoper, bei dem er erstmals Fragmente seiner Wotan-Deutung präsentierte, so gute Figur gemacht hat . . .