Petrenko macht Romantiker zu unsern Zeitgenossen

Einerseits nimmt der globale Überwachungsstaat durch die Digitalisierung Formen an, die sich selbst George Orwell nicht hätte alpträumen lassen. Andererseits bekommt das Kulturleben auf diese Weise eine Möglichkeit zur effektiven qualitativen Selbstkontrolle. Wenn nur die richtigen Sachen ins Netz gestellt werden, relativiert sich vieles, was uns allseits mit leuchtenden Augen empfohlen wird.


Zu den gewaltigsten Innovationen in der Klassikwelt gehört die sogenannte Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker, die dank gigantischen technischen und finanziellen Aufwands zu einem der bedeutendsten Musik-Archive angewachsen ist.

Anders als Streaming-Plattformen von Veranstaltern zwischen New York und Wien zeichnen die Berliner jedes ihrer Konzerprogramme auf und stellen einen perfekten Video-Schnitt davon dann dauerhaft ins Netz. Dazu kommen die teils legendären Musik-Videos der Karajan-Ära und andere TV-Mitschnitte. Abonnenten können damit einen breiten Querschnitt durch das jüngere Berliner philharmonische Leben auf Knopfdruck jederzeit abrufen, um die Mitschnitte der vergangenen Jahre in HD-Qualität zu hören und zu sehen.

Vor allem aber können sie live dabei sein, wenn das Orchester mit seinem neuen Chedirigenten Intepretationsgeschichte schreibt. Es ist wiederholt bemerkt worden, dass Kirill Petrenko bei seinen Berliner Konzertprogrammen in der Philharmonie wie auch auf Reisen – etwa Jahr für Jahr bei den Salzburger Festspielen – auf eine neue Durchmischung des Repertoire zielt. Während seine Vorgänger Abbado und Rattle sich bei den Rezensenten Liebkind machten und fortwährend Novitäten und Musik der anerkannten Avantgarde präsentierten, setzt Petrenko auf den zuletzt aus ideologischen Gründen verschütteten Bereich der musikalischen Moderne der Ära nach 1900, vor allem der Zwischenkriegszeit.

Er achtet dabei nicht auf die Frage, ob ein Komponist und seine Werke in der Zeit der großen Diktaturen verpönt oder gar verfolgt waren, sondern prüft die Partituren ausschließlich nach ihrer künstlerischen Qualität. Das ist auf lange Sicht das einzig taugliche Auswahlkriterium, wird aber derzeit beinahe ausschließlich durch Petrenko angewendet.

Ein Katalog postmoderner Effekte

Also gibt es auch Musik zu hören, die etwa im deutschen Sprachraum nach 1945 verdammt wurde, weil sie den Gesetzen der radikalen Fortschritts-Prediger nicht gehorchte. Ohne das länger ausführen zu müssen, darf man auf die beiden jüngsten Neuzugänge in der Sammlung der Digital Concert Hall verweisen, die neben viel gespielter Musik von Tschaikowsky und Prokofieff (ein virtuoses Erstes Klavierkonzert mit Daniil Trifonov, nebenbei bemerkt) auch Tondichtungen von Sergej Rachmaninow und Josef Suk wieder ans Licht bringen.

Aufschlussreich ist der Vergleich mit echten Novitäten: „Catamorphosis“ von Anna Thorvaldsdóttir, diesere Tag in Berlin uraufgeführt, präsentiert den heutzutage üblichen Katalog postmoderner Beliebigkeit: schön klingende Verschiebungen von Effekten, die seit den Tagen der „Klangkompositionen“ von Cerha und Ligeti zur Lingua franca der Orchestrierungstechnik gehören, hübsch garniert mit zwischendurch eingestreuten Dur- und Mollakkorden, die dem ganzen architektonisch Halt geben.

Das ist so geschickt arrangiert wie inhaltlich unbedeutend. Dagegen heben sichRachmaninows „Toteninsel“ und Suks „Sommermärchen“ ab, die in Zeiten der heraufdämmernden absoluten Herrschaft der Dissonanz mit Fantasie und eminentem Können die Fahne der Tonalität hochhielten: Mit dem scheinbar veralteten Material ließ sich noch allerhand erzählen, was den Hörer in Bann schlägt. Instrumentationskünste können auch zu etwas nütze sein...