Rolando Panerai ist tot

Viel ist die Rede von der epochemachenden Aufführung der „Lucia di Lammermoor“, 1946, unter Herbert von Karajan mit der Callas und Giuseppe di Stefano. Gern vergessen die Chronisten, wer damals im Bunde der Belcantisten der Dritte war – einer, der souverän über eine der schönsten Baritonstimmen jener Ära gebot: Das ist typisch für Panerais Nachruhm, wie auch für die Geltung, die man diesem Sänger zu Lebzeiten zuschrieb. Da sangen Tito Gobbi und Ettore Bastianini, gewiss. Kenner aber wussten, dass Panerai den beiden Hochgelobten und Vielgeliebten nicht nachstand.
Mehr als ein Vierteljahrhundert lang war Rolando Panerai eine fixe Größe im Ensemble der Mailänder Scala, sang umjubelt auch an der New Yorker Met und immerhin an 131 Abenden an der Wiener Staatsoper, wo ihn nach 35 Jahren der Treue 1992 Ioan Holender zum Kammersänger machte.
Karajan, der wie sein legendärer Produzent Walter Legge die Kunst Panerais zu schätzen wusste, holte den Künstler gern ins Plattenstudio: Sein fein phrasierter, farblich (dem Edel-Timbre zum Trotz) auch zu sinistren Tönen fähiger Graf Luna – wieder neben der Callas und (dem hier nicht gerade ideal besetzten) di Stefano, gehört zu den bedeutendsten Inkarnationen dieser Partie auf Tonträgern, ebenso der eloquente und höhensichere Sharpless an der Seite Carlo Bergonzis in der von John Barbirolli dirigierten „Butterfly“.
Wie im Brennspiegel lässt sich Panerais Kunst in einem Livemitschnitt von Mozarts „Così fan tutte“ (1956) unter dem früh verunglückten Guido Cantelli aus Mailand studieren: prägnanteste Artikulation im mühelosen Wechsel mit geschmeidigem, hie und da durch subtiles Vibrato angereichertes Cantabile.
Die „altersweise“ Nutzanwendung dieser Tugenden erlebte man im selben Werk, als Panerai unter Karl Böhm in den Siebzigerjahren in Salzburg ins Kostüm des Don Alfonso gewechselt hatte. Wenig später holte ih Karajan noch einmal als Mister Ford ins Festspielhaus: Panerais vokal und charakterlich vielschichtige Interpretation dieser Shakespeare-Gestalt hatte schon neben Tito Gobbi im Festspielsommer 1957 bestehen können, und bestand nun an der Seite des ebenso unverwüstlichen Giuseppe Taddei . . .