Was heißt schon kultiviert?

Seine Neujahrswünsche wurden diesmal zu einem regelrechten Appell: Riccardo Muti ermahnte „die Regierungschefs dieser Welt“, über all den zweifellos nötigen Anstrengungen, die unternommen werden müssen, der Pandemie Herr zu werden, die Kultur nicht zu vergessen.
Es ginge, so Muti klug und knapp, nicht nur um das leibliche, sondern auch um das geistige Wohl der Menschheit. Er richtete diese Worte an die ganze Welt. Aber just dort, wo man sich davon gar nicht betroffen fühlt, in Europa, sollten sie vor allem Gehör finden. Nirgendwo sonst geht man nämlich so leichtfertig mit dem kulturellen Erbe um wie hier.
Der Zufall will es, dass noch ein zweiter Dirigent dieser Tage auf diesen Umstand aufmerksam gemacht hat: In einer Jahresbilanz im Gespräch mit der Salzburger Festspiel-Präsidentin Helga Rabl-Stadler meinte Daniel Barenboim: „Wir müssen einbekennen, dass wir in den letzten Jahren nicht vorwärts denkend mit Kunst und Kultur umgegangen sind.“
Und er nennt auch das zentrale Faktum, dass die musische, weiter gefasst: die kulturelle Bildung auf ein unerträglich niedriges Niveau verflacht ist. Publikum wie Künstler sind betroffen von dem Rückgang an Aufmerksamkeit, den das Bildungssystem den einschlägigen Fächern widmet.
Zwar würden, so Barenboim weiter, allenthalben exzellente, vor allem technisch perfekte Musiker ausgebildet. Doch: „Sie werden Spezialisten, zum Beispiel wunderbare Geiger oder Oboisten, auf einem Instrument, aber die Ausbildung ihres Wissens, ihre Gesamtkultur wurde oft vernachlässigt. Wenn man aber Beethoven spielt, der in diesem Jahr viel gespielt wurde, dann muss man wissen wer Goethe war, wer Schiller war und deren Ideen kennen, denn diese sind auch Inhalt seiner Musik.“
Genau an diesem Wissen hapert es – mittlerweile nicht nur bei den Schülern, sondern längst auch bei der Lehrergeneration. Wenn Barenboim den großen Artur Rubinstein zitiert, der da gemeint hat, in seiner Jugend hätte das Publikum in seiner Freizeit noch selbst Chopin gespielt, nun höre es bestenfalls dessen Walzer auf Schallplatte, dann hatte das (auch das merkt Barenboim an) vielleicht in den Sechzigerjahren noch Gültigkeit.
Heute wissen vermutlich die meisten Gymnasiasten kaum noch dass es einen Mann namens Chopin gegeben hat, geschweige denn, dass sie sagen könnten, was er getan hat und – auch nicht unwichtig – welche politischen Umstände dazu geführt haben, dass man ihn vielerorts für einen Franzosen hält.
Auch historisches Wissen und Sachverstand in heiklen politischen Fragen drohen in Zeiten wie diesen ja auf Instant-Formeln reduziert zu werden. Es sind vermutlich nicht wenige, die heutzutage meinen, als kultiviert gelten zu dürfen, solange sie politisch korrekte Phrasen dreschen und möglichst noch die Sprache auf dem Altar einer vermeintlichen Geschlechtsneutralität opfern.
Wenn die Pandemie dazu taugte, uns auch diesbezügliche Probleme bewusst zu machen, wäre allerhand gewonnen. Impfungen beugen ja in der Regel nur ganz bestimmten Fehlentwicklungen vor . . .