• Walter GIESEKING  (* 1895, Lyon    + 1956, London)
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Der Meisterinterpret der französischen Impressionisten -- so lautet auch für die Nachgeborenen die Bewertung Walter Giesekings, der als Deutscher in Lyon zur Welt gekommen war und jedenfalls einer der größten Klangspezialisten am Klavier war, einer, der dank subtiler Anschlagskultur auch ein Pianissimo volltönend wirken lassen konnte.
Die Aufnahmen von Musik von Claude Debussy verraten die raffinierte Interpretationskunst dieses Schönheitsfanatikers am allerbesten.
Doch sind auch seine Mozart-Darstellungen spannend zu hören -- im Spannungsfeld zwischen der romantischen, den Rokoko-Zeitgenossen betonenden Spieltradition, in der Gieseking aufgewachsen war, und der modernen, an einer kühl-distanzierten Darstellung des Notentextes orientierten Spielweise.
Wer Mozarts eigene Aussagen über Interpretation studiert, weiß, das die Wahrheit nur irgendwo in der Mitte liegen kann; vielleicht dort, wo Giesekings Aufnahmen angesiedelt sind.

Ein herrliches Dokument von Giesekings feinfühliger, dabei hoch virtuoser Kunst ist die 1938 entstandene Aufnahme von Robert Schumanns C-Dur-Fantasie.
Der hochfliegende romantische Ton und die zarte, behutsamst klanglich abgestufte Pianissimo-Kultur vereinigen sich gleich in den ersten Takten; das Rubato-Spiel ist vollkommen natürlich dem melodischen Verlauf abgelauscht. Troth allem rundet sich diese Aufnahme in sicherer formaler Beherrschung -- eine Eigenschaft, die viele Kommentatoren Gieseking abzusprechen versucht haben. Gewiß: Poesie steht für ihn stets an erster Stelle, aber diese Poesie sichert selbst einem formal so heikel auszubalancierenden Werk wie Schumanns fis-Moll-Sonate unter Giesekings Händen Konsisstenz, nebst allem, was sonst zu dieser Musik gehört -- und von den wenigsten Pianisten in solcher Fülle eingefangen wird.