Karajans „Gaslicht“ und die Vinylrenaissance

Mit einer Wiederauflage der legendären Beethoven-Kassette von 1963 auf Schallplatten setzt Speakers Corner ein Zeichen

„Alles andere ist Gaslicht“, kommentierte Herbert von Karajan 1982, als er die erste weltweit vertriebene Compact Disk präsentierte, seine Aufnahme der Richard Strauss'schen „Alpensymphonie“ mit den Berliner Philharmonikern. Die Erleuchtung, die der Dirigent damals beschwor, bezog sich auf die akustische Komponente und hatte mit der Erfindung der Digital-Technik zu tun. Karajan, stets bei der Avantgarde, wenn es galt, die modernsten technischen Errungenschaften für das Kulturleben nutzbar zu machen, war vom Siegeszug des neuen Trägermediums, der CD (und der digitalen Aufnahmetechnik, die damit einherging), überzeugt. Und er sollte Recht behalten. Es dauerte nur fünf bis sechs Jahre, in denen neue Aufnahmen parallel auf Silberscheibe und in der altgewohnten Form auf Langspielplatte veröffentlicht wurden.

Bald wurde die schwarze Scheibe zum Exoticum. Vor allem der Bedienungskomfort und die Tatsache, dass auf CD kleine Kratzer keine akustische Beeinträchtigung hervorrufen, überzeugte die Käufer offenbar schneller, als selbst die kühnsten Propheten gedacht hätten. Auch bezauberte die Anmutung, dass Musik von der CD aus absoluter Stille erstand – kein Laufgeräusch, auch nicht das leiseste Rumpeln.

Farben statt surrealer Berechnungen

„Aber auch weniger Musik“, konterten hellhörige Musikfreunde bald. Vor allem im Jazz-Bereich ließen sich viele Hörer von den Segnungen der Digitaltechnik nicht beeindrucken. Wo es auf feinste Farbnuancen, auf Klangvaleurs ankommt, die minuziös variiert sein wollen, da nahm und nimmt man gern die Nachteile der Schallplatte in Kauf, denn die feinsten Schwingungen, so meinten die CD-Kritiker, lassen sich eben nicht per Computer in 0 und 1 splitten, wie surreal oft pro Sekunde man auch Berechnungen anstellen mag.

Es ist mehr als 10 Jahre her, dass die deutschen Vinyl-Pioniere der Firma „speakerscorner“ begannen, via Lizenz Klassiker der Schallplatten-Geschichte noch einmal in der altgewohnten Vinyl-Form aufzulegen. Die Remakes sind optisch täuschend echt produziert – und nur an ihrem nagelneuen Aussehen und dem kleinen Firmen-Aufkleber auf der Schutzhülle als Faksimile-Produktionen erkennbar. Auf schweren schwarzen Scheiben, 180 Gramm Vinyl pro Platte, finden sich nun seit Mitte der Neunzigerjahre einige Spitzenreiter der Platten-Kataloge wieder – im Klassik-Bereich etwa aus den künstlerisch und/oder aufnahmetechnisch legendären Katalogen der Deutschen Grammophon Gesellschaft, der Decca (die akustisch sagenumwobene SXL-Serie), Westminster, Mercury etc.

Die Elektronik-Industrie tut das Ihrige zur Vinyl-Renaissance. Sie hat – schon auf Druck der Disc-Jockeys, die mittels CD ihres Amtes nicht walten könnten – nie aufgehört, Plattenspieler zu produzieren, und setzt der Digital-Technologie seit Jahr und Tag immer neue Modelle von Schalplattenspielern entgegen, in allen Preisklassen – je teurer, desto höher angesehen in der Hi-Fi-Welt. Auf den Tellern der jüngsten Produkte drehen sich nun also nicht nur gesuchte Original-Pressungen von legendären Aufnahmen, sondern mittlerweile auch die Remakes.

Die Obertöne und die CD

Und sie bestätigen die Theorie, dass die CD niemals imstande sei, so differenzierte Klänge zu liefern wie eine saubere Vinyl-Scheibe, schlagend. Wer Vergleiche auf Abspielgeräten im gleichen Preissegment anstellt, wird staunend Zeuge, wie sich beim Umschalten von digital auf analog jeweils der Hör-Raum weitet und sinnliche Obertöne (etwa bei Singstimmen oder hohen Streichinstrumenten) hörbar werden, die von der CD offenkundig verschluckt werden, um im digitalen Orkus, rauschfrei oder nicht, zu verschwinden.

Das Kalkül der Vinyl-Restauratoren will es, dass kurz vor dem 100. Geburtstag Herbert von Karajans ein getreues Faksimile einer legendären Schallplatten-Kassette wieder in den Handel kommt, das jedenfalls das „Gaslicht“-Theorem schlagend widerlegt. Der erste der Berliner Beethoven-Zyklen, die Karajan mit seinem Orchester für Schallplatten eingespielt hat, liegt nun wieder vor, in derselben Aufmachung wie einst, samt einem üppigen Textheft und auf acht schweren Schallplatten, die ein Faksimile des altvertrauten Gelb-Labels mit dem Tulpenkranz ziert.

Wer die Neuauflagen hört, wird vielleicht nicht nur mit deklarierten CD-Freunden, sondern auch mit manchen Hardlinern in Konflikt geraten, denen die Platten-Faksimiles nicht radikal genug sind. Sie meinen, nur die originalen Pressungen aus den Sechzigerjahren, so die Platten sorgfältig gepflegt wurden, lieferten das einzig wahre Hörvergnügen. Und doch: Es könnte, ein Treppenwitz der Geschichte, wieder einmal der Promotor Karajan sein, der für viele Musikfreunde den entscheidenden Anstoß gibt, ihre Hörgewohnheiten zumindest einer Prüfung zu unterziehen.  (Dezember 2007)



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