Vom musikalischen Diebstahl

Das Plagiat heißt erst seit kurzem so - früher nannte man es Zitat oder Arrangement. 


 

„Die Musik kommt mir äußerst bekannt vor“, singt Leporello, wenn während Don Giovannis Diner eine Melodie aus dem „Figaro“ gespielt wird. Quasi im selben Atemzug erklingen bei der Tafelmusik allerdings nicht nur Mozart, sondern auch andere zeitgenössische Komponisten. Kein Mensch fand anno 1787 etwas dabei.

Ein, zwei Generationen früher gaben Komponisten ganze Werke von Kollegen – mehr oder weniger „bearbeitet“ – als Eigenkreationen aus. Das Arrangement eines Vivaldi-Concerto für vier Cembali firmiert bis heute als authentisches Werk Johann Sebastian Bachs. Und das stimmt ja irgendwie auch. Erst im 19. Jahrhundert ändert sich das Rechtsbewusstsein. Langsam.

Richard Wagner fand noch wenig dabei, sich nach Abfassung seiner Streitschrift „Das Judentum in der Musik“ bei den jüdischen Meistern Meyerbeer und Mendelssohn zu bedienen. Die Rheintöchter schwimmen auf Mendelssohns „Melusine“-Wellen. Und bis heute wertet man das keineswegs wegen des musikalischen Plagiats als schweren Charakterfehler.

Dabei geht es hier um eine jener Anleihen, für die keine Zinsen in Form von Wiedererkennungswerten bezahlt werden. Es ist kein Diebstahl, wenn bewusst mit dem Déjà-entendu-Erlebnis des Hörers gespielt wird wie in „Don Giovanni“. Doch Vorsicht: Wer zufällig die Ouverture zu Heinrich Marschners „Hans Heiling“ zu hören bekommt, wird stutzig: Das kennen wir doch aus Dvořáks „Symphonie aus der Neuen Welt“. Allerdings zitiert hier Dvořák den – einst populären – Marschner. Und nicht umgekehrt.

Das war damals, wenn schon nicht recht, so doch billig. Franz von Suppé antwortete auf den Vorwurf, eine Melodie klinge nach Beethoven: „Ist ihnen Beethoven nicht gut genug?“ Brahms „zitiert“ in seiner Ersten Symphonie Beethoven, Mahler verwendet dasselbe Thema ungeniert am Beginn seiner Dritten, wenn auch in Moll statt in Dur. Der Anfang von Mahlers Erster klingt nach einem fernen Echo einer Passage aus dem Finale von Brahms‘ Zweiter. Dergleichen war kurz vor 1900 noch kein juristisches Problem.

Die rechtliche Situation hat sich geändert. Richard Strauss glaubte, ein Volkslied zu zitieren, als er Luigi Denzas „Funiculì, funiculà“ in seiner Tondichtung „Aus Italien“ verwendete. Igor Strawinsky stolperte über das vom Entertainer Dranem kreierte „Holzbein der hübschen Suzanne“, das nebst einem Lanner-Walzer im Ballett „Petruschka“ anklingt. Lanner war „gemeinfrei“, der Komponist des Chansons, Emile Spencer, kam jedoch in den Genuss von „Petruschka“-Tantiemen.

Nie geahndet wurde wohl die Tatsache, dass Hanns Eisler in der DDR-Nationalhymne den Filmsong „Goodbye Johnny“ anklingen ließ, den – ausgerechnet! – Hans Albers in einem Ufa-Film des Jahres 1939 gesungen hatte.

Apropos Hymne: Immer wenn Smetanas „Mein Vaterland“ erklingt, darf man zynisch fragen, um welche Nation es sich dabei handelt. Spätestens, wenn die israelische Hymne gesungen wird, überrascht eine weitere musikalische Entlehnung: Auf die Melodie der populären „Moldau“ singt man tatsächlich hochoffiziell in Tel Aviv.

Wer diplomatischen Verwicklungen vorbeugen möchte, könnte das „Moldau“-Thema in Dur statt in Moll spielen; dann singen alsbald auch die Kinder mit: „Alle meine Entlein“ . . .



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