NATALIE DESSAY

Koloraturwunder und Karriereplanung 

Die internationale Karriere der Natalie Dessay begann in Wien. Die Staatsoperndirektion war in Not, denn für die Premiere von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen" war die Interpretin der drei großen Frauen-Rollen abhanden gekommen: Cheryl Studer hatte abgesagt. Man fand in kurzer Frist drei verschiedene Sängerinnen als Ersatz, darunter für die Puppe Olympia die blutjunge Franuzösin aus Bordeaux. Sie war ein Geheimtip unter Kennern, seit sie 1992 in dieser Partie an der Pariser Oper debütiert hatte und war in Wien in der nämlichen Saison bereits als Blondchen in Mozarts "Entführung aus dem Serail" engagiert. Im neuen "Hoffmann" erlebte man nun freilich den furiosen Auftritt der quirligen Künstlerin an der Seite von Placido Domingo. Der war am Premierenabend in Hochform, Bryn Terfel brillierte vokal und gestalterisch in den Partien der Bösewichte. Doch die fulminanten Koloraturen der jungen Sopranistin entschieden das Spiel gleich im ersten Akt: Natalie Dessay war der absolute Star des Abends.

In der Folge brillierte sie - einer Stimmkrise Anfang des neuen Jahrtausends zum Trotz - in so unterschiedlichen Partien wie der Königin der Nacht, der Lucia di Lammermoor, der Mélisande und Sonnambula, als Massenets Mano und 2011 auch als Violetta, in einer Partie, von der sie früher bedauernd gemeint hatte, sie würde nie zu ihren Rollen gehören. 2013 zog sich Dessay von den Opernbühnen zurück, widmete sich Auftritten als Schauspielerin und Interpretin von Chansons - unter anderem an der Seite von Michel Legrand.

Den Gegenpol daz markiert vielleicht die hörenswerte Bach-CD, die Dessay mit Emmenuelle Haim 2008 herausgebracht hat: feinnsinnig modellierte Aufnahmen dreier Kantaten des Thomaskantors, darunter "Jauchzet Gott in allen Landen".

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Interessant nachzulesen, was die Königin der Nacht der Salzburger Festspiele 1997 im Interview über ihre Zukunftsperspektiven zu sagen hatte:

Sie singen in aller Welt die „Königin der Nacht”. Das ist das Los aller großer Koloratursopranistinnen, die darunter leiden, daß ihnen ein großer Teil des Repertoires verschlossen bleibt. Geht es Ihnen ähnlich?

Dessay: Es tut mir zum Beispiel weh, daß ich nie die „Traviata” singen werde. Meine Stimme wird sich nie in diese Richtung entfalten. Und das schmerzt, denn ich fühle, daß ich diese Rolle gut spielen könnte. Auch bei Mozart wird die Susanna, die ich 2001 unter Riccardo Muti im Theater an der Wien singen werde, wahrscheinlich meine letzte Partie. „Ich bin immer für Glaubwürdigkeit am Theater gewesen. Da kann ich nicht mit fünfzig die Lucia singen. Ich höre mit fünfundvierzig auf und werde Agentin.”  

Worauf können die vielen Verehrer, die sie seit ihrem sensationellen Debüt in „Hoffmanns Erzählungen“ gewonnen haben, dann noch hoffen?

Dessay: Zum Beispiel auf Alban Bergs „Lulu”. Die kommt in Wien in einer Neuinszenierung unter Michael Boder heraus. Und zwar in der zweiaktigen Fassung. Wobei ich hoffe, daß zumindest die Todesszene aus dem Finale dargestellt wird. Aber ich gebe zu, daß das Paris-Bild aus dem fertiggestellten dritten Akt zu lang ist.  (ANM. Ihre Mitwirkung an der "Lulu"-Premiere hat Dessay dann abgesagt.)

Und aus dem Belcanto-Repertoire?

Dessay: Da kommt „Sonnambula”. 1999. Und 2001/02 kommt meine erste „Lucia”. Die wollte ich eigentlich später erst singen. Aber das Leben ist so kurz. 

Das können Sie doch noch nicht sagen. Sie stehen am Beginn einer großen Karriere.

Dessay: Na, ich will aber mit 45 aufhören. Für meine Rollen muß man frisch und jung ausschauen. Als reife Frau kann man kein junges Mädchen spielen. Das wirkt immer lächerlich. Ich habe immer gesagt: Ich will, daß es auf dem Theater glaubwürdig zugeht. Da kann ich nicht mit 50 Lucia singen.

Glauben Sie nicht, daß Ihnen die Bühnenluft abgehen wird?

Dessay: Sie wird mir nicht abgehen, weil ich bei der Sache bleiben will. Ich will junge Sänger auf den richtigen Weg bringen. 

Das könnten Sie doch auch als Lehrerin.

Dessay: Ja, aber dafür tauge ich nicht. Es nervt mich, wenn einer nicht gleich umsetzen kann, was ich sage. Das liegt in meinem Naturell. Ich will weitergeben, was ich weiß. Und das kann ich, glaube ich, am besten als Agentin. Da hat man eine Firma, ein Team und kann mit den Leuten wirklich arbeiten. Es muß schön sein, wenn man ein 20jähriges Talent entdeckt und dann in weiteren 20 Jahren zu einem fertigen Künstler formen kann. Diese Entwicklung mitzugestalten und zu verfolgen, davon träume ich. 

Das klingt wie ein Wunschtraum. Ist das eine Art der Betreuung, die Ihnen selbst abgeht?

Dessay: Nein, nein. Im Gegenteil. Meine Agentin berät mich gut. Sie denkt auch an meine Familie. Wenn mein Kind einmal in die Schule geht, wir also seßhaft werden müssen, dann will ich weniger arbeiten. Ich habe ja kaum Zeit, wirklich an mir und meiner Stimme zu arbeiten. Ich will auch mehr Liederabende machen. Und lesen. Und lernen. 

Wieviele Auftritte absolvieren Sie jetzt pro Jahr?

Dessay: Fünfzig. Das ist das absolute Maximum.


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