ROBERT MEYER

Der Schauspieler und Liebling des Burgtheater-Publikums im Gespräch (1995) über seine Liebe zur Musik - als noch keine Rede davon war, daß er einmal Volksopern-Direktor werden könnte.

Robert Meyer, Wahlwiener aus Bayern, "Burg"-Star, Peymann-Kritiker und Hobby-Sänger, im Gespräch über Wien, das Theater, die Musik – und über sich selbst.

Vor 21 Jahren begann die Erfolgs-Story am Burgtheater: Robert Meyer, damals noch Schauspielschüler am Salzburger Mozarteum, debütierte in Brechts "Mutter Courage". Seit damals war er ununterbrochen am Haus engagiert und wurde alsbald zum Favoriten des Publikums, weil er über jene Mischung aus unverwechselbar prägnanter Persönlichkeit und Wandlungsfähigkeit verfügt, die dazu nötig ist.

Wieviele Rollen er seit diesem Debüt im Jahre 1974 gespielt hat, weiß Meyer gar nicht. "Ich könnt's jetzt natürlich nachzählen, weil ich schon schön brav meine Listen führe. Aber es waren bestimmt über 50." Und dann nach kurzer Nachdenkpause: "Na, das reicht net. Also sag' ma: viele Rollen."

Man sieht ihn gern in Nestroy-Aufführungen, was in Wien nicht nur für einen "Zugereisten" als Adelsprädikat zu werten ist. Wer ihm privat gegenüber sitzt, hat keine Mühe, ihn schon nach wenigen Worten als Bayer zu identifizieren. Ob man sich da mit dem zwar angeblich "artverwandten", im Grunde aber doch ganz konträren "Wienerisch", wie es bei Nestroy gefordert wird, bei gleichzeitiger Nähe und Disparatheit schwer tut?

Robert Meyer scheint über die Frage zu staunen: "Steht doch alles da. Ist ja vom Dichter vorgegeben." So einfach ist das? "Na ja, wenn Sie mir bei Nestroy genau zuhören, werden Sie's auch gleich hören, daß ich aus Bayern komm'."

Trotzdem ist er mit Herz und Seele zum Einwohner Wiens geworden und mag sich gar nicht ausmalen, eines Engagements wegen woanders hinzuziehen: "Um Gott's Willen! Wo soll i denn hin? Schauens doch zum Fenster raus; gibt's was Schöneres?" Nach einem kurzen Blick auf die wohlvertraute Ringstraße "In Wien redet jeder g'scheit übers Theater. Auch Leute, die gar nix davon verstehen." erläutert Meyer präzis, daß es auch jenseits der spontanen Emotionalität Gründe für einen Schauspieler gibt, so zu denken: "Es gibt im deutschsprachigen Raum keinen besseren Platz. Wien ist eine theaterverrückte Stadt. Alle, die weggehen, kommen wieder zurück. Wenn sie können."

Obwohl sich nicht nur im Burgtheater die Stimmung gegenüber früher sehr verändert hat. Das sei ein Zug der Zeit. "Das Grüßen ist abgekommen. Und wenn man in die Kantine kommt, dann sieht man ein Heer von Leuten, von denen man nicht weiß, was sie eigentlich tun. Als ich gekommen bin, haben sich alteingesessene Schauspieler noch demonstrativ fünfmal vorgestellt, wenn man ihnen nicht vorgestellt worden ist. Es war ein größeres Zusammengehörigkeitsgefühl da." Die Theaterverrücktheit hat natürlich auch Konsequenzen, die weniger positiv sind, aber mit Amüsement beobachtet werden können: "Da wird viel übers Theater gestritten und vor allem redet jeder g'scheit drüber. Auch Leute, die gar nix verstehen, oder solche, die von Peymann-Inszenierungen schwärmen, die in Wahrheit von Zadek oder Tabori sind."

Auch Unverständnis begegnet einem Schauspieler oft. Sei es, daß man von einer Arbeit an einem schwierigen Stück überzeugt ist, dann aber feststellen muß, daß das Publikum gar nicht mitgehen mag. Sei es, daß man mit einer Produktion erfolgreich ist, die man selber gar nicht so aufregend findet.

"Der erste Fall ist zum Beispiel bei der ,Geisel' von Brendan Behan eingetreten. Das ist vielleicht doch eher eine irische National-Angelegenheit. Bei der Premiere ist es unglaublich gut "Man muß als Schauspieler auch einmal drei Stunden Schande ertragen können." angekommen. Aber das war's dann auch. Dann wieder ist man nicht ganz überzeugt, aber erfolgreich. Wobei es nicht darauf ankommt, ob man Bombenkritiken kriegt. Wichtig ist, daß die Leut' dabei bleiben. Ich hab schon auch manchmal einen Schmarrn gespielt", bekennt Meyer. "Ich bin auch hie und da wirklich eingegangen. Aber man muß als Schauspieler auch einmal drei Stunden Schande ertragen." Ist ihm das wirklich schon passiert? "Freilich". Wobei? "Na, das sag' i net!".

Große Rollenwünsche hat Meyer eigentlich keine: "Ich hab' ja eigentlich fast alles schon gespielt. Ich mußte mich auch nie um eine Rolle bewerben: Das muß ich einfach spielen. Irgendwie ist mir das alles zugefallen. Ich bin ja auch kein Ablehner. Nur zweimal hab' ich nein gesagt. Das eine war eine Partie, die so winzig gewesen sein muß, daß ich sie beim ersten Lesen des Stückes gar nicht gefunden hab'. Das war ein Botho Strauß. Mit dem anderen, einem Turrini-Stück, konnt' ich einfach nix anfangen."

Anzufangen wüßte er sich viel mit dem Orpheus in Offenbachs "Orpheus in der Unterwelt", den Adolf Dresen zur Festwochenzeit im Burgtheater inszenieren wird. Aber da ist er gleichzeitig im "Bauer als Millionär" besetzt und "beides zugleich geht natürlich nicht. Wahrscheinlich sollt' ich gar nicht drüber reden, aber der Orpheus wär' eine tolle Sache".

Wie er überhaupt gern in Musiktheater-Produktionen auftritt; und stets erfolgreich ist: im "Mann von La Mancha" ebenso wie im "Weißen Rößl". "Ich hab ja als Kind schon im Kirchenchor gesungen. Alle Stadien durchgemacht vom Sopran bis zum Baß. Ja, schon bevor ich selber mitg'sungen hab', bin ich schon neben meinem Vater gestanden und hab' g'scheit in die Noten geschaut."

Später hat er Klavier und Trompete gespielt, war aber "immer zu faul zum Üben". Dafür hat er später die Aufnahmsprüfung in die Gesangsklasse der Wiener Hochschule geschafft und auch Singen studiert. Allerdings nur einen Monat lang. Vor allem die Nebenfächer waren zu zeitaufwendig. Trotzdem "singt" Meyer seit langem umjubelt in der Volksoper; in seinem Metier. Und demnächst vielleicht doch auch in der Burg?


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