REGISSEURS-THEATER.

Über die Mode, in Opern die Dialoge zu streichen. 


Beethovens einzige Oper gehört dazu, Webers „Freischütz“ oder Mozarts „Entführung aus dem Serail“: In jüngster Zeit mehren sich die Versuche von Regisseuren, in Opernhandlungen auch dadurch einzugreifen, dass Dialoge verändert werden. Oder kurzerhand einfach weggelassen.

So geschehen bei „Fidelio“ beispielsweise gleich zweimal in der Salzburger Festspielgeschichte, einmal zu Ostern, einmal im Sommer.

Nun gehört dieses Werk der Gattung des deutschen Singspiels an. Das klingt für heutige Ohren verharmlosend angesichts der wichtigen Stellung dieses Werks und seiner eminenten humanen Botschaft. Doch stellt „Fidelio“, gattungsgeschichtlich betrachtet, das Bindeglied zwischen Mozarts „Zauberflöte“ und Webers „Freischütz“ dar – musikalisch gesehen führt der Weg geradewegs zu Wagner. Dass zwischen den Nummern gesprochen wird, hindert nicht die musikalische Entwicklung, die schon in „Fidelio“ quasi vorgezeichnet scheint: Echter „Singspielgeist“ herrscht im ersten Bild, ahnungsvoll unterbrochen schon durch das entrückte Quartett („Mir ist so wunderbar“), in dem ein ungeahnt introvertierter Ton ins Spiel kommt.

Die Ausweitung der expressiven Sphären hat ihr Vorbild bereits in der „Zauberflöte“ – Paminas g-Moll-Arie hat mit wienerischem Kasperl- bzw. Papageno-Theater so wenig zu tun wie der Gesang der Geharnischten und manche Szene der Eingeweihten im Zweiten Finale. Beethoven setzt im „Fidelio“ dann mit den Szenen im Kerker Stimmungsbilder und dramatische Momente in Musik, die uns direkt in Webers „Wolfsschlucht“ und manchen diabolischen Moment beim (heute vergessenen, doch ungemein wichtigen) Heinrich Marschner führen.

Von dort ist es zu Richard Wagners Gespensterchören im „Fliegenden Holländer“ nicht mehr weit. Über Jahrhunderte hatte man kein Problem, dass in den meisten dieser deutschen Opern zwischendrin gesprochen wurde. Mit der Abkehr der Regisseure von einer möglichst getreuen Erzählweise ging dann die Scheu vor den Dialogen einher.

Im Salzburger Festspielhaus hat man bereits während Sir Simon Rattles Osterfestspielära aus dem „Fidelio“ sämtliche Dialoge entfernt. Das „Melodram“ in der Kerkerszene wurde damals folgerichtig gestrichen; ein Eingriff in die Partitur, der nicht mehr als Petitesse abgetan werden kann. In der von Claus Guth verantworteten Festspielinszenierung von 2015 spielte man eine verkürzte Form dieser Nummer – dort, wo Leonore und Rocco sprechen sollten, erklangen (wie anstelle sämtlicher Dialoge) vom Tonband zugespielte Geräusche.

Der musikästhetischen Eingriffe nicht genug, durfte dann der Chor im Schlussbild nicht erscheinen: Die Botschaft von der Befreiung und Erlösung war als Wahnvorstellung Don Florestans inszeniert, Jonas Kaufmann wälzte sich verzweifelt am Boden.

Kommentar überflüssig – dass zuvor alle Dialoge gefehlt hatten, schien zuletzt ganz folgerichtig. Nur den „Fidelio“ hatte man an diesem Abend nicht zu sehen bekommen . . .

 


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