GOETHES „FAUST“ nach Noten

Die originellsten Anverwandlungen des Dramas in der Musikgeschichte


„Wenn die Franzosen nur erst einmal der Helena gewahr werden“, prophezeite Goethe kurz vor der Veröffentlichung des Helena-Akts aus „Faust II“, damals noch als „Zwischenspiel zu Faust“ – und die Franzosen entdeckten den ganzen „Faust“ –, dann werden sie ihn, wie der Dichter vorhersah, „auf ihre Weise deuten“. Hector Berlioz hatte seine „Acht Szenen“ aus dem „Faust“ schon in der Urfassung an Goethe geschickt, dessen Berater Zelter entsetzt war, weshalb sich der Dichter mit einem Kommentar zurückhielt. Später amalgamierte Berlioz die Fragmente zur abendfüllenden „Damnation de Faust“. Das blieb eine der originellsten Anverwandlungen von Goethes Drama; nicht nur, weil Berlioz die erste Szene kurzerhand nach Ungarn verlegte, um seine brillante Orchestrierung des Rákoczy-Marsches einbauen zu können.

Gegen eine solche „Faust“-Adaption hat nicht einmal der sonst jeglicher Klassiker-Adaption, die nicht aus Deutschland kam, protestierende Richard Strauss mobil gemacht. Berlioz war für Strauss sakrosankt, denn er war der Instrumentations-Hexenmeister schlechthin und galt als Vorläufer der „Neudeutschen“ um Franz Liszt, auf deren Humus wiederum Strauss‘ eigene Symphonik gedieh. 

Apropos: Liszt schrieb nicht nur zwei „Episoden aus Lenaus Faust“, deren zweite, der „Mephisto-Walzer“ zum Zugstück wurde, sondern auch frei nach Goethe eine Programmsymphonie in drei Sätzen, die prägnante musikalische Charakterbilder der Hauptgestalten des Dramas entwirft. Wobei der abschließende Mephisto-Satz ein virtuos komponiertes Zerrbild des einleitenden Faust-Satzes darstellt, was eine bemerkenswerte formale Volte darstellt. Gretchen träumt mittendrin - quasi als „Trio“ der großen Reprisenform - ihr poetisches Adagio. Den abschnließenden Chor auf die Schlussworte des „Faust II“ mit Tenorsolo fügte Liszt übrigens später hinzu. Von diesem Werk (und den beiden Lenau-Szenen) existiert eine hinreißende, hoch dramatische Aufnahme durch das Orchestre de la Suisse romande unter Ernest Ansermet (Decca).

In Frankreich arbeitete derweilen Charles Gounod an einer „Faust“-Oper, die von den deutschsprachigen Kommentatoren allerdings scheel angeschaut wurde. Sie kam 1859 als Opéra Comique mit gesprochenen Dialogen heraus und wurde zehn Jahre später, um eine Balletteinlage und einige Arien – darunter die Serenade des Mephisto und Valentins schmachtendes Gebet – bereichert, zur großen Oper umgestaltet. Als solche eroberte sie die Bühnen der Welt. Auch die deutschen, allerdings unter dem Decknamen „Margarethe“, um den geistigen Diebstahl (als solcher wurde Gounods Werk zumindest in manchen Phasen der Geschichte in Deutschland qualifizert) nicht so offenkundig scheinen zu lassen. Erst in jüngster Zeit darf sich das wirkungsvolle Musikdrama auch in deutschsprachigen Landen „Faust“ nennen . . .

An der New Yorker Met genießt der Gounod'sche „Faust“ übrigens bis heute Kultstatus, denn mit diesem Werk wurde die alte Met einst eröffnet, es zählt zu den meistgespielten Opern in New York. Einen der vielen Livemitschnitte halten Melomanen in höchsten Ehren: 1949 gelang Giuseppe di Stefano in der Cavatine im dritten Akt ein vokales Meisterstück: Das hohe C erklingt strahlend schön und sicher – und wird aus dem Forte subtil ins Pianissimo diminuiert (auf diversen CD-Produktionen nachzuhören).


Mephisto und religiöse Eiferer. Traurige Geschichte schrieb anno 2015 – über Umwege – eine legendäre Interpretation des Mephisto. Fedor Schaljapin zählt die Gounod-Partie zu seinen Leibrollen, weshalb man in St. Petersburg am Wohnhaus des Sängers eine Erinnerungsplakette anbrachte, die ihn just in dieser Gestalt zeigt. Religiöse Eiferer haben dieses Denkmal zerstört. Der Teufel dürfe nicht abgebildet werden, lautete die Begründung für diesen Bildersturm. Ob die Attentäter wussten, wer Schaljapin war? Oder Goethe?

Acht Szenen aus dem „Faust“ hat – wie Berlioz – auch Robert Schumann in Musik gesetzt. Ein bemerkenswertes Hybridprodukt aus Musiktheater und Oratorium, das in gewisser Weise entfernt verwandt ist mit einem formal nicht mindert gewagten Stück, in dem der gesamte, rätselhaften Schlussteil von Goethes „Faust II“ als Finale dient: Gustav Mahler wählte den Text als Kontrapart zum lateinischen Pfingshymnus „Veni, creator spiritus“, mit dem seine Achte Symphonie anhebt.

Aus der jüngsten Musikgeschichte stammt eine Oper nach einer der Vorlagen für das Goethe-Drama, Die "Historia des Doktor Johannes Fausten" (1587) von Alfred Schnittke. Das 1995 uraufgeführte Werk basiert auf Schnittkes Anfang der Achtzigerjahre komponierter "Faust"-Kantate "Seid nüchtern und wachet", die in einer Art Todes-Tango gipfelt, der zu den wirkungsvollsten Einfällen dieses Komponisten zählt.



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