Kann ein Dirigent einen Sänger "killen" ?

Im Prinzip ja. Nur jene Dolchstoßlegende, die nach der Wiener Premiere des "Rigoletto" gebildet hat -- Myung-Whun Chung hätte den jähen Abgang Simon Keenlysides im zweiten Akt auf dem Gewissen -- ist in den Bereich der Fabel zu verweisen.
Dass der Titelheld in der Staatsopernpremiere von Verdis "Rigoletto" im Finale des zweiten Akts plötzlich die Stimme verlor und abgehen musste, gehört zu den bemerkenswerten Zwischenfällen in der Wiener Operngeschichte. Eine Dolchstoß-Legende hat sich damals schon in der zweiten Pause der Premierenvorstellung gebildet. Einer muss ja schuld sein, wenn ein Bariton seine Stimme veriiiert; im Zweifelsfall der Dirigent . . .

Solche Pausengespräche sind manchmal spannend zu verfolgen. Vor allem, wenn sich dann bestimmte Aussagen verselbständigen und als analytische Sentenzen ein Eigenleben zu führen beginnen. Erst recht, wenn es sich dabei um eine Art diagnostischen Befund einer ungewöhnlichen theatralischen Situation handelt.
Es ist ja eines, wenn die Perücke einer Galina Wishnewskaja gegen Ende des zweiten „Tosca“-Aktes Feuer fängt und man beim Fallen des Vorhangs noch den Feuerwehrmann aus der Kulisse auf die Bühne stürzen sieht. Da weiß jeder bescheid, wie das zugegangen ist.
Etwas ganz anderes ist die Befundung eines Abgangs wie jenes, zu dem sich der arme Rigoletto, Simon Keenlyside,  gezwungen sah. Ein Kenner im Foyer gab die Parole aus: Der Dirigent habe den Hauptdarsteller in seiner großen Arie unmittelbar zuvor mit einer Lautstärke-Orgie so traktiert, dass es so kommen musste. Diese Erkenntnis wurde flink weitergetragen und verbreitet.
Das wache Zuhören kommt ja offenbar ab in der Oper. Eine Pause zuvor sprach mich ein Sänger-Agent noch auf die behutsame Gangart des Maestros an und meinte, es klänge geradezu „mozartisch“, was er für Verdi unpassend fand.

Und dann das!

Anhand des gewiss bereits allgemein herumgereichten Radio-Livemitschnitts der Premiere ließe sich nun zumindest die Lautstärken-Sängerkiller-These entkräften, was freilich gar nicht nötig wäre, wenn die klugen Analytiker des Notenlesens mächtig wären.
Die fragliche „Cortigiani“-Arie wird nämlich in ihrem stürmischen Anfangsteil ausschließlich von den Streichern begleitet; selbst wenn der Kapellmeister das vorgeschriebene Mezzoforte in ein Fortissimo verwandelt hätte (was gar nicht der Fall war), ließe sich damit kein Bariton-Mord begehen. Auf die genau vier wirklich lauten Takte dieser Nummer, in denen auch die Bläser loslegen, folgt dann ein elegischer, durchwegs im Piano gehaltener Teil, in dem sich ein zartes Englischhorn- und ein Cellosolo zum Gesang gesellen. Zu den herausragenden Eigenschaften des Premieren-Dirigenten Myung–Whun Chung gehört übrigens sein Insistieren darauf, dass die Musiker den Sängern zuhören und, wie Verdi das übrigens auch in den „Cortigiani“ in die Partitur schreibt, „col canto“ musizieren.
Und selbst wenn die philharmonischen Solisten sich daran nicht gehalten hätten: Zu laut können sie nicht gewesen sein. Das geht gar nicht.
Das lässt sich eindeutig feststellen. Im Übrigen lässt sich ja in der Kunst-Diskussion allerhand behaupten, was dann willig geglaubt werden darf. Die Bewertung artistischer Produktionen ist und bleibt – und das hat ja auch sein Gutes – tatsächlich das, was man Geschmacksache nennt.
Nur sollten "Kenner" bei ihren Pausen-Analysen davon ausgehen, dass es hie und da Menschen gibt, die das Stück kennen und/oder des Notenlesens mächtig sind . . .

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