WALLMANN, ZEFFIRELLI, SCHENK

600 Mal dieselbe Inszenierung ? Warum nicht ? Es gibt Repertoire, das keiner Neudeutung bedarf

Über 600 mal hat man an der Wiener Staatsoper Margarete Wallmanns "Tosca"-Inszenierung schon gespielt. Hoffentlich bleibt sie dem Haus noch lang erhalten.

Von den Lügengeschichten, die uns Kulturpolitiker Marke 4.0 in Sachen Musiktheater auftischen, ist ja jene von der Notwendigkeit ständiger „Neudeutungen“ der wichtigsten Repertoirewerke die dreisteste. Sie stammt aus der Hexenküche jener Journalisten und Intendanten, die von Musik so wenig verstehen, dass sie sich trotz hauptamtlicher Beschäftigung mit Oper die Regie zur Hauptsache erklären müssen, um ihre Daseinsberechtigung zu untermauern.

Inszenatorische Innovationen lassen sich seitenweise in Programmheften erläutern, und natürlich schreibt sich über einen feminismusfreundlich veränderten „Carmen“-Schluss von des Notenlesens unkundiger Seite viel leichter als über die Frage, wie der Tenor die „Blumenarie“ gesungen hat.

In Wahrheit wartet das Publikum seit Jahr und Tag zu Recht auf das von Bizet komponierte Finale – mit adäquater Bebilderung. Bleibt die aus, erweist das die Berufsunfähigkeit der Intendanten und Regisseure.

Die Menge an wichtigen Stücken, die – wie etwa Wagners „Ring des Nibelungen“ – in ihrer Metaphorik so deutungsbedürftig sind, dass sie für jede Generation neu erzählt werden müssen, ist begrenzt. In der Regel laufen ja nicht Ideen wie Wotan und Alberich auf der Szene herum, sondern lebenstüchtige Susannas, lebensmüde Lenskis. Die erfahren ihr Schicksal am besten in jenem historischen Umfeld, in dem sie geboren wurden.

Drum wurde auch noch die 600. Vorstellung von Puccinis „Tosca“ in der Inszenierung Margarete Wallmanns an der Wiener Staatsoper einhellig bejubelt und als gut und richtig empfunden. Bei diesem Krimi kommt es ja doch nur darauf an, dass eine Tosca vom Format einer Angela Gheorghiu einen Scarpia vom Format eines Erwin Schrott ersticht und sich zuletzt von der Engelsburg stürzt. Da gibt es nicht  „neu zu deuten“.

Das nämliche gilt für Franco Zeffirellis Inszenierungen von „La Bohème“ oder „Carmen“, für Otto Schenks „Rosenkavalier“ und „Fidelio“ – und hätte in den vergangenen Jahren für manche Alt-Inszenierung gegolten. Wichtiger als Klassiker-Verballhornungen wären Reanimationen „verlorener“ Stücke. Aber auch hier betreibt das Regisseurstheater Vernichtungspolitik. Die Wiedereingliederung von Meyerbeers „Prophet“, Wagners „Rienzi“ oder Pfitzners „Palestrina“ scheiterten allesamt an der Regie-Willkür. Der Revitalisierung bedürften in Wahrheit weniger die Opernhandlungen als das Arbeitsethos von Opernregisseure n und -intendanten.