La fanciulla del West

Viel gescholten ob einer banalen Wildwest-Handlung, aber musikalisch zum Teil brillant: Giacomo Puccini hielt „Das Mädchen aus dem goldenen Westen“ für seine beste Oper.
Die Spötter aus dem Lager des sogenannten Fortschritts, denen Puccinis Erfolg ein Dorn im Auge war, hatten mit dieser Premiere leichtes Spiel. Der Mann, der auf Dachböden ("La Bohème") und in der Verbrämung des Fernost-Kitsches ("Madame Butterfly") nach theatralisch verwertbaren Gefühlswallungen Ausschau gehalten, der mit "Tosca" einen Schauerkrimi vertont hatte, präsentierte nun eine "Wildwest"-Farce, in der aus der Hüfte geschossen wurde und der Indianer "Hugh" sagt. Das sollte zeitgenössische Oper sein? Die Uraufführung des "Mädchens aus dem goldenen Westen" ("La fanciulla del West") im Oktober 1910 war prominent besetzt: Enrico Caruso sang den Räuberhauptmann Ramerrez, der sich als Dick Johnson ins Herz der Schenkenwirtin Minnie singt und tanzt. Die Titelpartie kreierte in der Premiere unter Arturo Toscaninis Leitung Emmy Destinn, die aus Böhmen stammende dramatische Sopranistin, die Richard Strauss in jenen Jahren als Idealverkörperung seiner "Salome" lobte.

Luxuriöser ist kaum eine Opernnovität je aus der Taufe gehoben worden. Das Publikum liebte die "Fanciulla" auch. Die Kritik aber tobte: In welche Tiefen war das heilige italienische Melodramma gesunken? Seit sich Verdi aus Götter- und Heroenwelten in den Kurtisanen-Salon seiner "Traviata" herabgegeben und eine verruchte aktuelle Liebesgeschichte aus der Demimonde zum Opernsujet gemacht hatt, gab es schon zu viel des Verismo, der "wahrhaftigen", allzu realistischen Geschichten in den Opernhäusern. Der "wilde Westen" als Rahmen für Arien und Duette, das markierte nun einen Höhe- (oder Tief-)punkt in dieser Entwicklung. Wie in "Tosca" bediente sich Puccini auch in diesem Werk eines erfolgreichen Bühnenthrillers, diesmal aus der Feder David Belascos. Dessen "Raubersg’schichten" waren die Vorgänger der heutigen TV-Abendunterhaltung.

Vibraphon für die Liebe. Puccini freilich hielt diese Oper für seine allerbeste. Er hat sie auch mit viel Liebe ausgearbeitet und orchestriert. Nie hat er ein reicher besetztes Orchester vorgeschrieben, vierfache Holzbläser und sogar ein Vibraphon, das die Liebesszenen mit zitternden Akkorden umflort. Die Musik enthält manch rührseliges Element, vor allem das "Heimwehlied", das dem Agenten von Wells Fargo, Mr. Ashby, in den Mund gelegt wird. Die entscheidenden Szenen sind jedoch von enormer Kraft, harmonisch "modern" geschärft wie später in "Turandot", und von mitreißendem Schwung getragen. Schon das kurze Vorspiel verrät mit einer weit geschwungenen Kantilene und zündenden Cowboy-Rhythmen, zwischen welchen Polen sich das Geschehen abspielen wird. In der rauen Goldgräberwelt gibt Sheriff Jack Rance den Ton an. Er wirbt um Minnie und sieht sich von dem smarten Unbekannten, der sich als Mr. Johnson ausgibt, ausgetrickst. Minnie, Hals über Kopf verliebt, verrät im Schlussduett des ersten Aktes dem Angebeteten sogar, dass sie die Goldvorräte für die Burschen im Dorf verwahrt.

Goldgräberstimmung. Der Räuberhauptmann vergisst freilich seine „Standesehre“ und hat nur noch die Liebe im Kopf. Als er entlarvt wird, nimmt Minnie ihn in Schutz und rettet ihn zuletzt vor dem Galgen: Die beiden ziehen, von den Goldgräbern mit einem wehmütigen Lied begleitet, aus Kalifornien weg in eine ungewisse Zukunft. Derlei Szenarien beschwören Erinnerungen nicht nur an Wildwestfilme herauf. Sie machen eine Neuinszenierung der Oper in Zeiten wie diesen beinah unmöglich. 

Allein, wer das "Mädchen aus dem goldenen Westen" auf die Bühne bringen will, muss sich den scheinbaren Banalitäten stellen und den Gefühlen, von denen gesungen wird, vertrauen. Die Musik Puccinis, ist den Versuch wert. Für den Dirigenten ist der erste Aufzug, in dem alle paar Sekunden ein Goldgräber hereinschaut und einen Gruß abzugeben hat, eine besondere Herausforderung. Andererseits bietet Puccini dem vielfach aufgefächerten Instrumentalapparat Gelegenheit zu prächtigstem illustrativem Farbenspiel. Sogar die Schneeflocken hört man tanzen "Hugh Neve," singt Minnies Indianerzofe Wowkle, und läuft davon...

Für die Hauptpartien hat der Komponist die herrlichsten Möglichkeiten zur Personencharakterisierung parat. Sheriff Jack Rance ist so etwas wie den amerikanischen Bruder des römischen Polizeichefs Scarpia aus der "Tosca". Auf dem Höhepunkt des Dramas pokert er mit Minnie um den Kopf des Widersachers und weil das "Mädchen aus dem goldenen Westen" auch im Falschspielen geübt ist, entscheidet sie die Partie über endlos wirkenden, nervös pochenden Kontrabass-Pizzicati für sich. Der Tenor darf im dritten Akt eine der berühmtesten Puccini-Romanzen ("ch ella mi creda"/"lasset sie glauben") phrasieren, eine Wunschkonzertnummer effektvollster Prägung. Im Mittelakt ist ihm aber auch eine der mitreißendsten dramatischen Selbstoffenbarungen geschenkt, die Puccini je komponiert hat.

Das ist die Szene nach dem großen Liebesduett, das die beiden Stimmen eine Rarität im trauten Verein bis aufs hohe C führt. Schon bei den ersten Inszenierungen der "Fanciulla" musste der Schlussteil dieses Duetts deshalb gestrichen werden: Entweder Tenor oder Sopran weigerten sich, den Gipfelsturm zu wagen. In Wien war die ungekürzte Fassung übrigens nur in der Premierenserie der Inszenierung Lotfi Mansouris von 1975 zu hören, denn der höhensichere Franco Bonisolli und Carol Neblett ließen sich das C nicht nehmen. Bei späteren Aufführungen — unter anderem mit Mara Zampieri und Placido Domingo war der Duett-Schluss aber wieder gestrichen. 

Die effektvollste Aufnahme der „Fanciulla“ stammt übrigens vom Maggio musicale Florenz vom Ende der Fünfzigerjahre: Da sorgt Maestro Dimitri Mitropoulos für furiose Dramatik - und bei Eleonor Steber und Mario del Monaco strahlt nicht nur das C im selbstverständlich ungekürzten Duett edelmetallisch . . .


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