OEDIPE

George Enescus fesselende Sophokles-Oper. Ein Experiment an der Grenze von Romantik und Moderne aus den Dreißigerjahren des XX. Jahrhunderts


George Enescus „Oedipus” demonstriert auf hörenswerte Weise, wie ein Komponist noch um 1930 herum mit den Mitteln der zu Ende gehenden Spätromantik zu arbeiten versteht, sie weiterentwickelt und neu beleuchtet. In Wahrheit sind ja krasse Stilbrüche, wie sie Richard Strauss nach „Elektra” oder - in der "anderen Richtung" - Arnold Schönberg mit seiner Absage an nachwagnersche Tendenzen vollzogen haben, am Ende nur jeweils für diese Komponisten selbst stilistisch bindend. George Enescu gelang es jedenfalls, auf seine Weise eine ganz andere Linie weiterzuverfolgen; und sich damit selbst unwissentlich ins ideologische Out begeben. Solch stetiges Denken war nämlich für die Vordernker des Kulturlebens nach 1945 verpönt, was die Rezeption von Meistern wie Enescu wo nicht verhindert, so doch zumindest erschwert hat. Enescus große Sophokles-Oper steht musikhistorisch betrachtet Seite an Seite mit starken musiktheatralischen Versuchen wie Arhtur Honeggers „Johanna auf dem Scheiterhaufen”, tonal grundiert, aber voll origineller neuer Kombinationen altgewohnter Harmonik und Melodik.

Librettist Edmond Fleg versucht, den antiken Geist durch einen neuzeitlichen Lufthauch zu beleben: Sein Oedipus ist ein Kraftlackel ohne Furcht und Tadel. Das Schicksal bricht ihn und verwandelt ihn in einen Weisen, der imstande wäre zu führen; nur, daß ihm keiner folgt. Zuletzt wandeln vielmehr – Sinnbild unserer innerlichen Antiken-Ferne, die bereits das frühe XX. Jahrhundert erreicht hatte – die mythischen Gestalten ziellos umher, zu einer suggestiv schillernden, weite tonale Kreise ziehenden Musik.

Wien versuchte eine Neubelebung des "Oedipe" unter Michael Gielens musikalischer Leitung in einer Inszenierung Götz Friedrichs Ende der Neunzigerjahre. Für die Salzburger Festspiele ist eine Neuproduktion 2019 avisiert.


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