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400 Jahre und kein bisschen leise

Anmerkungen zu Geschichte und Zukunft der Oper

“Dafnes” Verwandlung stand am Beginn: Vor mehr als 400 Jahren wurde in Florenz erstmals eine Oper gespielt. Heute stehen Opernhäuser in aller Welt. Ein erfolgreiches Produkt – in seiner Endphase?  

Ganz genau weiß man es ja nicht. Aber 1598 wurde jedenfalls das erste Opernlibretto gedruckt: Rinuccinis „Dafne”. So nimmt man an, daß ein Werk mit entsprechender Musik in jener Zeit auch aufgeführt worden ist. So schlug also vermutlich die Geburtsstunde der Oper, jenes Genres, das sich dann – soviel ist sicher – schnell und umfassend zunächst über das europäische Musikleben, später über das der ganzen Welt verbreitet hat. Die Anfänge markierten norditalienische Philologen, deren Anliegen es war, nicht nur die Philosophie, sondern auch die Musik der alten Griechen zu erforschen – und deren bis dahin nur über die großen Textschöpfungen eines Sophokles oder Euripides erahnbare Theaterpraxis neu zu beleben.

So begann man – wie heutige Forscher zu wissen meinen: in völliger Verkennung der tatsächlichen Umstände – zu Texten zu singen, sie musikalisch zu untermalen und auszudeuten.

Mißverständnis oder nicht: Was dabei herauskam wurde zunächst zur geistvollen Unterhaltung des adeligen Publikums, später mehr und mehr zur Volksbelustigung. Und es mangelte nicht an theoretischen Untermauerungsversuchen, an Traktaten, die erklärten, wie eine rechte Oper beschaffen sein sollte. Nach dem großen Claudio Monteverdi, der die ersten Gipfelwerke des Genres schuf, war es spätestens Christoph Willibald Gluck, an dessen Reformen sich im 18. Jahrhundert die Geister schieden.

Das Publikum wählte: Und zwar Mozart, der wenig später ohne viel theoretisierendes Federlesen die Opernwelt vom barocken Götterzauber erlöste und Menschen aus Fleisch und Blut auf die Bühne brachte. Da spätestens begann das „Singen mit der Seele”, das auch nicht aufhörte, als Richard Wagner den (in diesem Sinne) durchaus mozartischen Figuren eines Giuseppe Verdi seine Walküren und nordischen Sagenhelden entgegensetzte. Man muß es nicht mit Oswald Spengler halten, der meinte, daß die abendländische Kultur – und damit auch die Operngeschichte – mit dem „Tristan” zu Ende gegangen sei. Aber den „Wozzeck” von Alban Berg darf man vielleicht mit einigem Recht am Ende einer glanzvollen Reihe bewegender Musikdramen vermuten.

Was sonst in diesem Jahrhundert hervorgebracht wurde, von der Spätlese eines Richard Strauss bis zu Epigonal- Schönem zwischen Britten und Henze hat möglicher Weise nicht das ersehnte Energiepotential zur fälligen Erneuerung, zur „Aktualisierung” des Operngedankens in sich.

Was die szenische Umsetzung musikalischer Welten anlangt, tragen zunächst die Musicals, später – man soll es nicht übersehen – die weltumspannenden Selbstinszenierungen von Pop- und Rockkünstlern via Videoclip die Zeichen der Zeit. Die Oper in ihrer Guckkastenbühnen-Ästhetik ist längst ein, wenn auch bezauberndes Museumsstück geworden. Ein Museumsstück, das zu pflegen ist wie eine bedeutende Kunstsammlung, weil es die Menschheit nach wie vor nicht nur erfreut, sondern auch ihr Innerstes zu bespiegeln imstande ist.

Nicht von ungefähr haben radikale Erneuerungsversuche das Genre aus seinem Musentempel-Dasein herauszuführen versucht. Roman Haubenstock-Ramatis frühe Ahnung riesiger multimedialer Spektakel, „Amerika”, sprengt die alten Grenzen ebenso wie Karlheinz Stockhausens „Licht”-Zyklus, der Wagners Festspielgedanken in ungeahnte Dimensionen weiten müßte, würde er tatsächlich realisiert. Da führen die Abkömmlinge der Oper ihre Ahnen ad absurdum, erfinden neue Räume.

Der Aktualität des immer neu Diskutierens der großen Opernwerke tut das keinen Abbruch. Sie reden zu uns in ihrer menschlich-anrührenden Dimension vom „Don Giovanni” bis zur „Lulu”, vom Papageno bis zum Färber Barak. Das wird uns noch eine Weile – wohl noch über den 500. Geburtstag der Oper hinaus – beschäftigen. Wer von „Fidelio” berührt ist, muß – anders als adornitische Vordenker uns eine Zeitlang glauben machen wollten – kein schlechtes Gewissen haben, wenn er nicht gleichzeitig darüber nachdenkt, was die heutige Zeit zu diesem Thema anzubieten hat. Es ist unzeitgemäß zeitgemäß, über Beethoven nachzudenken. Und abendfüllend.

So bleibt uns die Oper.