ERKENNEN SIE DIE MELODIE ?

Ja! Aber von wem ist sie?


Emil Nikolaus von Reznicek. Österreichischer Komponist. So heißt es in den spärlichen Angaben der Lexika. Ein Altösterreicher war er tatsächlich, wie einer nur im Büchel stehen kann. Der Vater ein böhmischer – nein, nicht Gefreiter, sondern Feldmarschall, die Mutter Tochter eines rumänischen Fürsten.

In Graz zur Welt gekommen, macht Reznicek in Deutschland Karriere, als Kapellmeister und Lehrer. Berlin wird seine Heimatstadt. Als Komponist geling ihm zwar, was man den Durchbruch nennt. Seine musikalische Komödie „Donna Diana“, im Gefolge von Cornelius' „Barbier von Bagdad“ und vor Wolfs „Corregidor“ entstanden, darf musikhistorisch betrachtet sogar als Meilenstein einer deutschen Opera buffa nach Wagner gelten. Dass sie dennoch im heutigen Musiktheaterleben keine Rolle spielt, liegt daran, dass alles, was das Wort „deutsch“ im Untertitel führt und nicht mindestens von Wagner oder Richard Strauss stammt, als suspekt gilt.

Doch ist das nur die halbe Wahrheit. Reznicek ist der dauerhafte Erfolg schon zu Lebzeiten versagt geblieben. In Opernhäusern und Konzertsälen muss er so viele Rückschläge verzeichnen wie in seinem Privatleben, das von Tod und Missgeschicken überschattet ist.

Immerhin wäre ein gediegener Nachruhm denkbar gewesen, angesichts einiger exzellent instrumentierter Partituren groß angelegter Orchesterwerke, von denen eines, „Der Sieger“, deutlich parodistisch auf Richard Strauss’ „Heldenleben“ gemünzt ist. Angesichts fein gearbeiteter Kammermusik auch, etwa dem Ersten Streichquartett mit seinem poetisch verträumten langsamen Satz.

Dafür freilich war die öffentliche Anerkennung hinderlich, die man Emil Nikolaus von Reznicek in Deutschland seit 1933 zuteil werden hat lassen. Angesichts von manchem Lobeswort in der nationalsozialistischen Presse – und sei es auch nur auf den Feuilletonseiten publiziert worden, muss man heutzutag schon froh sein, wenn einem Künstler das Recht auf einen Straßennamen nicht aberkannt wird.

Dass er starb, kurz nachdem das Dritte Reich zusammengebrochen war, sorgte für die letzte, bittere Groteske. Beerdigt wurde Reznicek auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Stahnsdorf. Die Einsegnungskapelle lag im Westsektor Berlins, das Grab im Osten. Aus Angst, von russischen Soldaten beraubt zu werden, setzten die Träger den Sarg an der Grenzlinie ab, entledigten sich aller Wertsachen und trugen, nur das Nötigste am Leib, den Toten zur letzten Ruhestätte . . .

Und die posthume Groteske: Seinen apartesten Einfall nutzte man lang als Signation zur Sendung „Erkennen Sie die Melodie?“ Die Melodie erkennt bis heute jeder. Aber keiner weiß, von wem sie stammt. Typisch Reznicek!

 


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